30.06.2020

Visuell und technisch ein Kontinuum

Der neue Plenarsaal des Palais des Nations in Genf

Dreidimensionale Deckenskulptur und architektonisches Licht tauchen den neuen Plenarsaal im Palais des Nations Genf in Atmosphäre. Foto: Peia Associati

Holzdünen für "Hall XIX": Den neuen Plenarsaal das Palais des Nations in Genf kleidet eine "Wood-Skin"-Freiformdecke. Architekt Giampiero Peia ließ sich dafür von der Bewegung von Sanddünen inspirieren. Entstanden ist ein im Detail einzigartiges Deckengewölbe – ein visuelles wie technisches Kontinuum.

Mit einer Kapazität von 800 Plätzen und einer Fläche von 4.000 qm ist der Saal der größte und zugleich technisch fortschrittlichste der Vereinten Nationen. Beleuchtung und Saaltechnik sind raffiniert in die Deckenkonstruktion integriert. Das zirkadiane Licht arbeitet mit Human Centric Lighting, bildet also Tageslichtverhältnisse nach und unterstützt damit den Biorhythmus.

Darüberhinaus handelt es sich um den ersten umfassend barrierfrei konzipierten Saal. Zwei Drittel der Arbeitsplätze können auch von Rollstuhlfahrern genutzt werden, Übersetzungen werden nicht nur im Audioformat, sondern auch visuell in Gebärdensprache übertragen.

Im Mittelpunkt der Neugestaltung stand die Deckenkonstruktion. Die Kuppelform war durch die Vorgängerkonstruktion bereits vorgegeben. Neu ist die dreidimensionale, skulpturale Form, die die Symmetrie des kreisförmigen Konferenzraums aufbricht und ihm eine neue Dynamik verleiht.

Das Design folgt den sanften Wogen einer Dünenlandschaft. Der sandige Farbton findet sich nicht nur im Ton der Deckenpaneele, sondern auch in der Wandgestaltung und Möblierung wieder. Passend zur Designidee der Düne bildet die in die Decke integrierte, zirkadiane Beleuchtung den Lauf der Sonne ab.

Die Deckengestaltung erfolgte mit "Wood-Skin Mesh Sheets". "Wood-Skin" ist eine flexibel, digital angepasste Beschichtung, die komplexe Handhabungen ermöglicht. Der nur wenige Millimeter starke Verbundwerkstoff aus Holz und Gewebe lässt sich in beliebig konfektionierte Module aufteilen und sich so auf das von dem jeweiligen Projekt geforderte Volumen bringen.

Entworfen wurde die 1.000 qm umspannende Freiformdecke des Konferenzsaals mit einer parametrischen Modellierungssoftware, die das Verhalten der im Objekt verbauten Membran simulierte und damit exakte Angaben zu den technischen Anforderungen der vorgebenen Formen machte. Dazu zählte der richtige Sichtkonus der Projektion, die Brechung von Licht und Ton sowie die Positionierung der Leuchten und der Anlagetechnik.

Als Oberflächenmaterial wurde Okumé-Holz in einem leicht geflammten Design gewählt. Das geringe Gewicht und die Anpassungsfähigkeit des Materials ermöglichten neue Volumen und Formen, die unter Berücksichtigung der strukturellen Einschränkungen des Projekts sonst nicht zu erreichen gewesen wären.

So konnte nicht nur die zirkadiane Beleuchtung, sondern auch die komplette Anlagetechnik des zukunftsweisenden Konferenzraums in die Deckenkonstruktion integriert werden und das Gesamtkonstrukt mit moderatem Aufwand an der bestehenden historischen Deckenstruktur mit moderatem Aufwand verankert werden. Klimatisierung, Videoprojektoren, Roboterkameras und Sensoren wurden in der Entwurfsphase sorgfältig positioniert und nahtlos zu einer organischen Anlage kombiniert.

Für die Konstruktion wurde die Designidee in geometrische Formen übersetzt: Zunächst wurden die gewundenen Linien von Dünensilhouetten diskretisiert und in Dreiecke unterteilt. Anschließend wurden die Dreiecke als sich immer wieder wiederholende Formen zu verschiedenen Mustern zusammengesetzt, und aus diesen Iterationen verschiedene Pattern-Designs erstellt. Daraus entstanden immer komplexere, allmählich abstrakter werdende Geometrien, die letztlich das umgesetzte Deckenprofil ergaben.

Die Deckenmodule werden sowohl strukturell als auch ästhetisch von einer Reihe von Hängeelementen unterstützt, deren Positionierung und Größe ebenfalls über eine Software ermittelt wird. Ein leichter, unsichtbarer Wald aus im Vergleich zu herkömmlichen Systemen um 70% dünneren Stahlseilen trägt die fünf Tonnen schwere Hängedecke. Dazu musste die bereits vorhandene Deckenkuppel nicht statisch verstärkt werden. Die aktuelle Lösung ist sogar um ein Vielfaches leichter als die bisherige Variante. 

Eine wichtige Qualität das Raumes ist die Akustik. Um diese zu erreichen, setzte das Unternehmen eine eigens für den Werkstoff entwickelte, parametrische Modellierungssoftware ein. Diese simulierte das Verhalten der halbstarren Membran und illustrierte, wie die Oberfläche zu verformen sei, um den technischen Anforderungen zu entsprechen. Dazu zählte der richtige Sichtkonus der Projektoren, die Brechung von Licht und Ton und die Position der Leuchten und Anlagetechnik.

Die komplexe Geometrie bietet eine unregelmäßige Oberfläche, die hilft, den Schall zu streuen und das Echo zu reduzieren. Das Gewebe in der Holzverkleidung garantiert darüberhinaus ein Membranverhalten, das eher einem textilen Material als einem Holzpaneel ähnelt und auch tiefe Frequenzen absorbiert.

An der architektonischen und technischen Gestaltung arbeiteten weitere europäische und internationale Partner mit, darunter: Casalgrande Padana, Flos, Krion, Matteo Grassi, Taiden, Wallpepper und Wilkhahn.

www.wood-skin.com | www.peiaassociati.it

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