25.02.2021

Der Deckel ist gelüftet

Materialbox zum Materialpreis 2020

Die Gewinner des Materialpreises 2020 waren bereits seit Dezember bekannt. Die ausgezeichneten Produkte wurden nun ebenfalls vorgestellt: in 10x10-Echtmustern, gut dokumentiert in einer Materialbox. Damit lieferten die Boxen die Grundlage für die als haptisch-digitales "Materinar" gestaltete öffentliche Preisverleihung im Videostream.

So mancher Materialpreis wäre 2020 ganz anders vergeben worden, hätte die Jury, wie im Pandemiejahr üblich, nur online getagt. Doch Materialien muss man in der Hand gehabt haben. Und so schwenkte mancher Juror nach der Bemusterung des Echtmusters in seinem finalen Voting noch einmal um.

Diese "Anfasszination" wollte man auch dem Fachpublikum nicht vorenthalten, und so entwickelte die Raumprobe, Veranstalter und Auslober des Materialpreises, ein neues Format: das Materinar. Da im Pandemiejahr das Fachpublikum nicht zu den Materialien kommen kann, wurden die ausgezeichneten Materialien kurzerhand ans Publikum verschickt: 33 Echtmuster, gut dokumentiert in einer Materialbox.

Auch unsere Redaktion erreichte eine dieser hundert Boxen. Im Folgenden stellen wir unsere persönlichen Materiallieblinge vor.

Biegsam wie Leder, geschmeidig wie Stoff

Für "Nuo", das hochflexible Textil aus Echtholzfurnier braucht es eine neue Materialkategorie. Es ist weich und biegsam wie Leder, so geschmeidig wie Stoff, dabei leicht transparent,  ungeheuer filigran und übt eine Faszination aus, der sich auch die Jury nicht entziehen konnte.  Schnell sei klar gewesen, dass es sich bei "Nuo" um einen der Preisträger handele, ließ die Jury später verlauten.

Um die besondere Haptik zu veranschaulichen, brachte Nuo-Geschäftsführer Thomas Wagner zur Preisverleihung auch ein Dekokissen mit: gefertigt aus Eichenfurnier in der Gravur T1L. Das Furnier stammt aus nachhaltiger Forstwirtschaft, wird mit einem Träger aus Vlies, Baumwolle oder Mikrofaser verbunden und anschließend mit dem Laser graviert.

So erhält die Holzoberfläche ihre besondere Flexibilität. Die feine Laserung unterbreche die Holzstruktur ohne den Träger zu beschädigen, erklärte Wagner. So entstehe eine leichte Transparenz, die das Material beispielsweise für das Leuchtendesign interessant mache.

Ursprünglich von der italienischen Fashion Designerin Marta Antonelli und dem Textilfachmann Marcello Antonelli für die Modeindustrie entworfen, nahm sich 2017 der Furnierhersteller Schorn & Groh des Materials an, um es für benachbarte Branchen wie die Polster-, Automobil- und Möbelindustrie weiterzuentwickeln. 2019 wurde die Nuo GmbH als Tochter von Schorn und Groh entwickelt, die sich seither voll auf Weiterentwicklung, Produktion und Vertrieb konzentriert.

Vier verschiedene Gravuren sind möglich, mit Nussbaum, Esche, Eiche und Buche und zwei Fineline-Varianten stehen sechs Holzarten zur Verfügung. In der Ausführung "Nuo touch" ist das Furnier mit einem Schutzlack versehen, in der Ausführung "Nuo firestop" ist es mit einem Flammschutz behandelt. | www.nuo-design.com

Digitales Verfahren, analoge Anmutung

Design ist Formgebung und diese beginnt mit dem Verfahren. Deshalb ging der Materialpreis der Kategorie "Design" in diesem Jahr auch an drei außergewöhnliche Herstellungsverfahren: an die die Betonmatrix "BasisRho", das Lasersublimationsverfahren von Sublidot und an die variantenreichen Florqualitäten der Teppichbodenkollektion "Object Carpet + Ippolito Fleitz Group".

Digitales Verfahren, analoge Anmutung: Mit dem Lasersublimationsverfahren von Sublidot by Strasserthun lassen sich individuelle, dreidimensionale Oberflächenstrukturen in eine Vielzahl von organischen Oberflächen bringen. Holz ist das gängigste Beispiel, aber auch mineralische Werkstoffe sind geeignet. Grundlage ist ein Graustufenbild, das via

Laserzeichnung auf das Material übertragen wird. Die Tiefe des Reliefs ist von der Härte des Materials abhängig, Beispiel Holz: weiche Jahresringe werden abgetragen, harte bleiben stehen. So ist es trotz des High-Tech-Verfahrens die Natur, die das Design vorgibt. | sublidot.swiss

Durchscheinende Preziosen

Neoterrazzo nennen Marie Jeschke und Anja Langer ihre feine Betonmatrix "BasisRho", die durch transluzente Glaseinschlüsse feine Prismen in den Raum zaubert. Dabei ergeben die Glaseinschlüsse und deren Lichtreflexe kein zufälliges Bild, sondern sind Ergebnis einer präzisen Legearbeit. Der hochfeste, pigmentierbare Beton eignet sich für die Boden- und Wandgestaltung innen und außen genauso wie fürs Möbel- und Produktdesign. Die verwendeten Glaselemente stammen aus den Produktionsresten deutscher Glashütten und -manufakturen, mit ihrem Produkt halten die beiden also auch ein uraltes Handwerk am Leben und seine Produkte in modernes Design. Für die Edition "Primary" erhielt das Duo "Jeschkelanger" den ersten Preis in der Kategorie "Design". | www.basisrho.com

Geprägt und beflockt

Je mehr wir in unserem (Geschäfts-)Alltag digital erledigen, desto größer wird die Sehnsucht nach haptisch erlebbaren Räumen. Sibu Design aus Temberg/Österreich reagiert darauf mit der Designplatte "Fabric Line Cube Velvet Pearl", deren Samtrelief gleich auf mehrere Sinne wirkt: Der hauchdünne Flor mit einer Länge von 0,3 bis 0,8 mm wirkt je nach Lichteinfall weit tiefer als er ist. Gleichzeitig sieht das Auge, wie "der Stoff schreibt", denn der Flor ändert seine Richtung, sobald man darüber streicht. Außedem bewirkt die weiche Anmutung eine "gefühlt" angenehme Akustik, ein "gefühlt" luftiges Raumklima. Dem Team der Raumprobe war das eine besondere Anerkennung in der Kategorie "Design" wert.

Aufgebracht ist der Flor auf einen Polystyrolträger. Die Lagerkollektion besteht aus sieben Farbtönen und Strukturen. Ursprünglich kommt Sibu Design aus der Schaufenstergestaltung und dem Shopdesign, inzwischen kleiden die kunstvollen Laminate des Unternehmens aber auch Hotels - von der Rezeption bis zur Badgestaltung. | www.sibu.at

Mit Handwerk Material auf den Punkt bringen

Klassische Handwerkstechniken lassen Gestalterherzen höher schlagen. Für diese gibt es beim Materialpreis eine eigene Kategorie: die Klassiker. Auszeichnungen und Anerkennungen gingen 2020 an einen Terrazzo aus Natursteinsplitt, eine schwer entflammbare OSB-Platte, und eine natürlich geharzte, langlebige Echtholzdiele. Den ersten Preis aber erhielt eine Malerarbeit.

"Schöne Materialien auf den Punkt bringen." Das ist es, was Handwerk leistet, so die Überzeugung des Farbrats, einer Wertegemeinschaft und Genossenschaft aus 27 Maler- und Lackierermeistern und deren Handwerksbetriebe. Jährlich kreieren die Mitglieder des Farbrats eine neue Wand,

die mit innovativen und individuellen Oberflächenstrukturen und Farbwirkungen experimentiert. 2020 lautete das Thema "Schatten", die Farbnuancen bewegen sich daher im dunklen Farbspektrum. Doch gerade Schwarztöne heben die Feinfühligkeit zwischen intensiver Färbung, glatter und weicher Struktur oder rauer und poröser Oberfläche und die daraus resultierenden Licht- und Schattenspiele besonders deutlich hervor. Mit hoher Handwerkskunst und ausgefeilten Techniken werden tradierte, mineralische Beschichtungen neu interpretiert. Dafür gab es den ersten Preis in der Kategorie "Klassiker". | www.farbrat.de

Verschiedene Tränger, trotzdem Ton in Ton

Vom Raum aus denkt auch die Kollektion "Mix & Match" der Westag Getalit AG, die drei Produktlinien miteinander kombiniert: HPL-Platte, Fenix NTM-Platte und Acrylmineralwerkstoffplatte. Jede von ihnen deckt einen anderen Anwendungsbereich im Innen- und Möbelbau ab, lässt sich aber farblich exakt auf die an die beiden anderen Werkstoffe abstimmen. Denn: Ein und derselbe Farbton kann ganz anders wirken, es genügt schon, dass die Trägerplatte mal vertikal und mal horizontal eingesetzt ist. Mit den Kombinationsmöglichkeiten von "Mix & Match" bekommen Planer und Designer nun einen ganzheitlichen Ton-in-Ton-Materialkasten an die Hand - für Korpusmöbel, Möbelfronten, thermisch geformte oder hygienisch wirksame Oberflächen. | www.westag-getalit.com

 

"Diese Farbe fühlt sich gut an"

Kann man Farbe fühlen? Man kann! Die natürliche, fast schon haptische Anmutung der natürlichen Emulsionsfarbe "Aglaia" fühlt sich gut an, so die Reaktion der Jury bei der Bemusterung hochdeckenden Wand- und Deckenfarbe der Beek'schen Farbwerke in Laichingen. "Aglaia Premiumcolor" besteht zu 100% aus natürlich nachwachsenden Rohstoffen und bietet ein gesundes Raumklima, mit traumhaft natürlicher Anmutung. Die Farbe besteht aus emulgierten Ölen und naturbasierten Pigmenten, die eine faszinierend breite Farbpalette ermöglichen. Die matte Oberfläche meistert schwierige Lichtverhälnisse und verspricht eine schöne Alterung. "Eine anmutige Patina konnten wir erahnen, ertasten..., ja sogar fühlen", so die Jury. | www.beeck.com

Das Potenzial liegt in der Einfachheit

Unter den Einsendungen in der Kategorie "Studie" fanden sich fast ausschließlich biobasierte, biologisch abbaubare Materialien. Und: Der Großteil der Einsendungen kam von Studierenden und Uni-Absolventen. Marie Seliger und Gesa Trispel von der Technische Hochschule Ostwestfalen-Lippe in Detmold stellten ihren feinstrukturierten und überraschend farbreichen Eierschalenputz vor.

In der industriellen Fertigung von Produkten mit Vollei als Zutat fallen allein in Deutschland pro Tag durchschnittlich 1 t Eierschalen an, die er teuer entsorgt muss. Aus diesem Abfallprodukt entwickelten die Studentinnen eine Putzrezeptur auf Eierschalenbasis in verschiedenen Farbtönen und Körnungen, dazu zu 100% biologisch abbaubar.

Die Färbungen entstehen durch die natürliche Farbe der Eierschalen, die je nach Trägermaterial - Gipskarton oder Holzplatte - in der Optik noch weiter variieren. Das Potenzial des Materials liegt in seiner Einfachheit. | www.th-owl.de

Adaptive Membran

"Hydroweave" ist eine adaptive Membran, die auf Feuchtigkeit reagiert und das Raumklima ausgleicht. Entwickelt sich Wasserdampf, krümmen oder strecken sich die zellulosebasierten Module ihrer Webstruktur entsprechend und schaffen so Flächen, die sich je nach Raumklima öffnen oder schließen. So entstehen ästhetisch-skulpturale Flächen, die Räume zonieren beluften, ohne dazu auf Sensoren angewiesen zu sein. Der Wettbewerbsbeitrag von Stefanie Eichler und Juni Neyenhuys beruht auf einem Projekt im Fachgebiet Textil- und Flächendesign im Rahmen des Forschungsclusters „Matters of Activity. Image Space Material" der Weißensee Kunsthochschule Berlin statt. An der Entwicklung beteiligt waren auch Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Kolloid- und Grenzflächenforschung in Golm, Abteilung Biomaterialien.

www.kh-berlin.de

Eine ausführliche Übersicht über alle Kategorien und Preisträger, inklusive Interviews mit den Designer/innen und Produktdatenblatt finden Sie hier: https://www.raumprobe.com/de/magazin/materialpreis-gewinner-2020

Übrigens lohnt es sich, auch einen Blick auf die nicht prämierten Einsendungen zu werfen. Spannend klingen beispielsweise auch die gefaltete Wandverkleidung, eine Leichtbauplatte in 3D-Optik, ein Holzfaserprodukt aus Schwarzlauge oder gesintertes Plattenmaterial.

 

Das Format des Materinars wird übrigens auch über den Materialpreis hinaus fortgesetzt:

10.03.2021  Materialinspiration für Hotel und Gastronomie
21.04.2021  Materinar Farbe intensiv
-23.04.2021 

Über den Materialpreis

Der Materialpreis-Würfel ist in diesem Jahr aus dem kroatischen Naturstein Kanfanar, dem wohl bekanntesten Naturstein Istriens. Für die ersten, zweiten und dritten Auszeichnungen bekam der Stein jeweils eine andere Oberflächenbearbeitung.

Die Kategorien lauteten 2020: Innovation, Design, Kollektion, Ökologie, Verfahren, Klassiker und Studie. Außerdem gab es zwei Publikumspreise.

Der Materialpreis 2021 2021 richtet sich an Architekten, Planer und Kreative mit bereits realisierten Projekten bewerben. Die Bauwerke dürfen nicht älter als zwei Jahre sein und müssen mit architektonischer Qualität und ästhetischem Materialeinsatz überzeugen.

www.raumprobe.com

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