01.03.2021

Alternativen für PVC, PE & Co

Foto: Findeisen

Ressourcenschonend Planen und Gestalten geht nicht ohne die Industrie. Was viele nicht vermuten: Gerade im Bereich des Innenausbaus gibt es zahlreiche nachhaltig produzierte Produkte. Am Beispiel der ökologisch verträglichen Kunststoffalternativen lässt sich der Stand der Dinge gut darstellen.

Bio- statt Petrochemie

"Ecuran" ist ein Verbundwerkstoff, der überwiegend aus Pflanzenölen wie Raps- oder Rizinusöl und natürlich vorkommenden mineralischen Komponenten wie Kreide und Sand basiert und damit eine natürliche Alternative zu Polyurethan darstellt. Entwickelt hat das Material der Bodenbelagshersteller Windmöller, der es in der Cradle-to-Cradle-Silber-zertifizierten Produktlinie "Purline" einsetzt. Mit der "Ulrich Windmöller Innovation" wurde 2018 eine eigene Gesellschaft gegründet, die sich ausschließlich mit der Forschung & Entwicklung regenerativer Rohstoffe befasst. | www.ecuran.de

Nach dem Prinzip der Massenbilanz

Mit der "iQ Natural"-Kollektion bietet der Bodenbelagshersteller Tarkett Vinylböden aus bio-attribuiertem Ethylen an. Das Material, genannt "Biovyn", wird aus nicht verzehrbarer Biomasse gewonnen und ist eine Entwicklung des britischen Unternehmens Inovyn. Der Roundtable on Sustainable Biomaterials (RSB) erkennt das biobasierte Ethylen als 100%-igen Ersatz für fossile Rohstoffe an. RSB ist eine globale, unabhängige Organisation aus Unternehmen und Aktionären, die die Entwicklung einer neuen biologischen Weltwirtschaft durch nachhaltige Lösungen, Zertifizierung und gemeinschaftliche Partnerschaften vorantreibt. Zertifiziert wird der gesamte Fertigungsprozess eines Produkts in seiner vorhandenen Produktionsinfrastruktur. 

Die Zertifizierung geht vom sogenannten Massenbilanzsystem aus. Dieses soll den „grünen Übergang" der vorhandenen Produktionsinfrastruktur ohne ressourcenintensive Entwicklung neuer Produktionsanlagen begleiten. Dazu werden fossile Rohstoffe nach und nach durch bio-basierte Rohstoffe im Produktionsprozess ersetzt. Damit eine klare Zuordnung des bio-basierten Anteils am Endprodukt möglich ist, wird die gesamte Lieferkette vom RSB überwacht und zertifiziert. Dieses Verfahren ermöglicht, nach und nach die Zahl der bio-basierten Rohstoffe im Produktionsprozess zu erhöhen und am Ende ein komplett erneuerbares Produkt in den Händen zu halten. | www.tarkett.de

 

Polyamid aus Rizinusöl

 

Das in der Nutzschicht verarbeitete Polyamid der Nadelvlieskollektion "Finett Dimension" von Findeisen wird aus ökologisch unbedenklichem Rizinusöl gewonnen. Das biobasierte Polyamid nimmt kaum Luftfeuchtigkeit auf und macht die Nadelvlieselement besonders dimensionsstabil. Die Fliesen und Planken kommen deshalb ohne Schwerbeschichtung aus. Die einzelnen Elemente müssen nicht vollflächig, sondern nur an den Kanten verklebt werden. Der Klebstoff selbst bleibt am Boden, nicht am Vlies kleben, was das Recycling erleichtert. | www.nadelvlies.de

Ältester ökologischer Bodenbelag

Linoleum ist der älteste, aus natürlichen Rohstoffen hergestellte flexible Bodenbelag. Das Delmenhorster Linoleum Werk (DLW) war 1926 wiederum das erste Unternehmen in Deutschland, das sich auf die Produktion dieses faserverstärkten Naturbodens spezialisierte. Heute führt das Unternehmen Gerflor die Marke „DLW" fort. „DLW"-Linoleum besteht zu 98% aus natürlichen, schnell nachwachsenden Rohstoffen, nämlich Leinöl (41%), Holzmehl (20%), Kalkstein (19%), Jute (8%), Harz (5%), Kork (2 %) und Farbpigmente (3%). Bis zu 40% dieser Rohstoffe können nach dem Recycling ohne Qualitätsverlust wiederverwertet werden.

Das Unternehmen Gerflor entwickelt seine Bodenbeläge unter strenger Bewertung einer Lebenszyklus-Analyse. Betrachtet man allein die ersten drei der insgesamt sechs Phasen des Lebenszyklus, nämlich Cradle to Gate, wird das Linoleum CO2-neutral hergestellt. Der Linoleum-Belag wird nach den Prinzipien der Kreislaufwirtschaft entwickelt und erfüllt die strengen Bewertungskriterien der "Cradle to Cradle"-Zertifizierung in Silber. Nicht zuletzt stellen die marktweit einzigartig niedrigen TVOC Emissionen von < 10 μg/m3 nach 28 Tagen eine hervorragende Raumluftqualität sicher. | www.gerflor.de

Aus der Luft absorbiertes CO2 für die Produktion

Renolit produziert hochwertige Folien und Platten für den Innenausbau und zählt zu den weltweit führenden Kunststoffverarbeitern. In einer strategischen Partnerschaft mit Photanol BV entwickelt das Unternehmen nun Polymere unter Verwendung von aus der Luft absorbiertem CO2. Das so gewonnene CO2 wird in chemische Grundbausteine verwandelt, die vielfältige Anwendung im Bereich der Polymerherstellung des Unternehmens finden. In einem ersten Schritt soll die neue Technologie der Produktion im Geschäftsbereich Healthcare dienen, da vor allem Medizinprodukte von der höheren Reinheit des Rohstoffs profitieren. In weiteren Schritten soll die Technologie auch den anderen Geschäftsfeldern zugute kommen. In dem Verfahren werden Licht und CO2 als Rohstoff genutzt und via Photosynthese von Cyano-Bakterien und unter Ausstoß von Sauerstoff neue Monomere synthetisert. Diese Monomere bilden anschließend die Grundlage für neue, hoch reine Hochleistungspolymere, die in die Produktion eingespeist werden können. Die Technologie dazu arbeitet in einem direkten, vollständig zirkulärem und CO2-neutralen Umwandlungsprozess ohne Verwendung von fossiler Energie wie Öl oder Gas. Damit trägt das Verfahren dazu bei, die globale Erwärmung aufzuhalten.

Anfang 2021 verpflichtete sich das Unternehmen außerdem, bis 2025 alle Kunststoffabfälle innerhalb der Unternehmensgruppe aufzubereiten und wiederzuverwenden und die interne Abfallmenge zu reduzieren. | www.renolit.com