Überzeugender Materialeinsatz

Am 21. Juni wurde der materialPREIS 2017 im Rahmen einer feierlichen Veranstaltung im Hospitalhof verliehen. Im Mittelpunkt stand in diesem Jahr der aufsehenerregende Einsatz bemerkenswerter Materialien von gleichermaßen hoher ästhetischer und architektonischer Qualität. Die Bedeutung des Awards dokumentieren die zur Jury-Sitzung zugelassenen Projekte: Aus 280 mussten die Experten ihre Wahl treffen.

In unserer aktuellen Ausgabe von InteriorFashion haben wir Ihnen die ersten Auszeichnungen in den jeweiligen Kategorien vorgestellt. Die zweiten und dritten Auszeichnungen sowie die Anerkennungen in der Kategorie Studie & Vision wollen wir Ihnen aber auch nicht vorenthalten. Diese finden Sie im Folgenden.

Kategorie Anwendung | 2. Auszeichnung: Aesop Signature Store München von eins:33 GmbH

Projektbeschreibung:

Das Design experimentiert mit Ausgewogenheit und Spannung, hervorgerufen durch starke Kontraste in Materialität und Struktur sowie feine haptische Akzente. Ein überdimensionaler, zentraler Ladentisch aus Beton komplettiert die abgestufte Betondecke und die Estrichfußböden. Diese Elemente des Brutalismus fügen sich in die Architektur der Nachbarschaft ein. Im Kontrast zur monolithischen Strenge der Ladentheke verleiht Carrara-Marmor als Auflage und eingelassenes Waschbecken eine sanftere Atmosphäre. Ein Betonwaschbecken im Nebenraum ermöglicht ausgiebige Beratungen, die antike Möblierung lädt zum Verweilen. Vertikale Trapeze aus Altmessing mit schmalen Regalen aus Carrara-Marmor hängen von der Decke herab und befinden sich vor dem Fenster. Die gegenüberliegende Wand ist mit schimmernden Samtpaneelen verkleidet, die das Licht im Tagesverlauf immer wieder anders reflektieren.

Eingesetzte Materialien: Samt, Marmor, Beton

Foto: Bodo Mertoglu

Kategorie Anwendung | 3. Auszeichnung: Feuerwehrhaus Sand in Taufers von Pedevilla Architects

Das neue goldgelbe Wahrzeichen der Gemeinde Sand in Taufers befindet sich auf 870 Metern Seehöhe, am Eingang des Tauferer Ahrntales. Signifikantes Merkmal des Gebäudes ist seine zweckbestimmte Funktionalität, welche sich in der klaren und einfachen Form des Gebäudes widerspiegelt. Höchste Priorität wurde dabei auf kurze Erschließungswege gelegt, welchen den optimalen und effizienten Ablauf eines Einsatzes entscheidend beeinflussen können. Hinter dem kompakten Zweckbau verbirgt sich außerdem ein hochwertiges Erscheinungsbild, bei dem überflüssige Gestaltungsmerkmale bewusst weggelassen wurden. Vielmehr konnte man sich dafür auf eine vertiefte Auseinandersetzung mit Form, Material und Farbe einlassen. Besonders deutlich ist dies am goldgelb gefärbten rauen Spritzputz der Fassade zu erkennen, ein ausgefallen spielerisches und zugleich überraschendes Merkmal, das den Reiz des neuen Feuerwehrgebäudes ausmacht.

Eingesetzte Materialien: Spritzputz, Streckmetall

Foto: Gustav Willeit

Kategorie Material | 2. Auszeichnung: Elytra-Filament-Pavillon von ICD Universität Stuttgart/Achim Menges Architekt, ITKE Universität Stuttgart/Knippers Helbig Advanced Engineering, Transsolar Climate Engineering/TUM

Der Elytra-Filament-Pavillon basiert auf vier Jahren Forschung zur Integration von Architektur, Ingenieurswesen und biomimetischen Prinzipien. Die 225 qm Dachstruktur verwendet Leichtbau-Prinzipien der natürlichen Faserverbundstruktur in Vorderflügelschalen flugfähiger Käfer, den so genannten Elytren, und zeigt, wie einzigartige räumliche und ästhetische Qualitäten aus der Synthese von Bau- und Klimaingenieurswesen sowie innovativen Fertigungsmethoden entstehen können. Das Projekt wurde für die V&A Engineering Season am Victoria and Albert Museum in London gebaut und anschließend anläßlich der Hello Robot Ausstellung des Vitra Design Museums auf dem Vitra Campus in Weil am Rhein aufgebaut. Dort zeigt das Projekt die tiefgehenden Auswirkungen neuer Technologien auf die Konzeptionierung von Design, Konstruktion und Herstellung. Das Dach bildet ein tektonisches Faserverbundsystem, welches architektonisch ebenso ausdrucksstark, wie strukturell effizient ist.

Eingesetzte Materialien: Carbonfaser, Glasfaser, Polymermatrix

Foto: Naaro

Kategorie Material | 3. Auszeichnung: Waldfriedhof Heidenheim, Umbau Aussegnungshalle und Aufbahrungsgebäude von Kaestle & Ocker Architekten BDA

Die 1957 von Ludwig Gruber erbaute Aussegnungshalle mit Aufbahrungsgebäude ist Teil der Gesamtanlage Waldfriedhof und im Originalzustand erhalten. Ihre städtebauliche Setzung und das äußere Erscheinungsbild sind bis heute stimmig. Im Zusammenspiel von Landschaftsarchitektur und Hochbau wurde eine Prägung des Ortes erreicht. In die vorhandene Struktur des Gebäudes gab es einen wesentlichen Eingriff: Rückbau der Decke am ehemaligen Aufstellort des Sargs, Vergrößerung der Wandöffnung und Ausbildung eines Lichthofs als Außenraum. Durch diese Maßnahme wird die Lichtführung verbessert. Die Ausrichtung erlaubt das Miteinbeziehen von Tages- und Jahreszeiten in die Aussegnungsfeier. Die Bestimmung der letzten Ruhe auf dem Waldfriedhof wird spürbar und präsent. Darüber hinaus unterstützt der Hof durch seine Leere eine Konzentriertheit auf den Augenblick. Die tektonische Bearbeitung der raumbegrenzenden Bauteile sowie eine für diesen Raum entworfene Möblierung verbessern die Raumgestalt.

Eingesetzte Materialien: Weißtanne massiv, Jurakalk, rahmweiß gebändert, abgehängte, gefächerte Akustikdecke

Foto: Brigida Gonzalez

Kategorie Materialeinsatz | 2. Auszeichnung: Neubau Betonhaus in Füllinsdorf von Wespi de Meuron Romeo Architekten BSA mit Weberbuess Architekten FH/SIA

Der Neubau des Wohnhauses befindet sich in einem älteren Einfamilienhausquartier in der Gemeinde Füllinsdorf. Im Sinne einer zukünftig möglichen Quartierverdichtung wurde der Neubau auf der unteren Hälfte des Grundstückes so positioniert, dass ein späterer Bau eines zweiten Wohnhaus ermöglicht wird. Das Grundstück liegt in Hanglage in unmittelbarer Nähe zum Wald und dem Naherholungsgebiet und verfügt talseitig über einen gewissen Fernblick durch die nachbarschaftlichen Bäume hindurch. Der Neubau fügt sich durch formale Zurückhaltung in das Quartier ein. Die Ecksituation der Parzelle in leichter Hanglage, welche an zwei Quartierstraßen angrenzt, wird für die Erschließung des dreigeschossigen Hauses genutzt: Im untersten Geschoss liegt talseitig der Haupteingang beim gedeckten Carport, während im obersten Geschoss bergseitig ein zweiter Eingang liegt, über welchen der Besucher durch den kleinen Innenhof direkt in den Hauptwohnbereich gelangt.

Eingesetzte Materialien: gewaschener Beton, Verputz, Holz

Foto: Hannes Henz Architekturfotograf

Kategorie Materialeinsatz | 3. Auszeichnung: Haus Sulzer von Andreas Fuhrimann Gabrielle Hächler Architekten ETH BSA SIA AG

Das Haus hat zum Ziel, die attraktive Aussichtslage bestmöglichst im Innern einzufangen. Die Materialisierung ist einfach und unprätentiös wie es der architekturaffinen Bauherrschaft entspricht. Auf verschieden ausgebildeten Betonstützen, die die Aussteifung des schwebenden Volumens garantieren, sitzt der formal einfach gehaltene, kubische Gebäudekörper. Eine Betonwanne bildet den Boden des Hauses, auf die ein vorfabrizierter Holzbau erstellt wurde. Die Fassade ist ein hinterlüftetes, gefaltetes Blech, welches das Volumen leicht umhüllt. Die mehrheitlich geschlossenen Ost- und Westfassaden werden durch plastische Elemente wie der ausgestülpten Treppe, dem Kamin oder ausgeklappten Fenstern bestückt. Insgesamt thematisiert das Haus klassische Elemente der Moderne und unterläuft deren Dogmatismus mit spielerischen Elementen. Die einfach kubische Grundform wird mit diversen „Accessoires“ angereichert, welche dem Haus Identität und Charakter verleiht.

Eingesetzte Materialien: Beton, Metall (Titanzink), Holz

Foto: Valentin Jeck

Kategorie Publikums-Voting | 2. Auszeichnung: Herzpraxis Zurich-Höngg von Dost

Dost transformiert ein Quartier-Restaurant der 1960er Jahre in eine Herzpraxis. Die neuen Räume zeigen Sorgfalt und Gelassenheit. Naturkork als talentreiches Material sorgt für eine angenehme Raumsituation. Die klare Gliederung schafft eine intuitive Wegleitung. Der Raumbestand, geprägt von vielen Absätzen und technischen wie auch statisch bedingten Elementen, wird als Umraum verstanden. Nicht tragende Elemente werden entfernt, der Raum weit möglichst geöffnet. Sorgfältig proportionierte Kuben gliedern den Umraum und organisieren die Wege der Benutzer. So entsteht ein rückwärtiger Bereich mit separatem Eingang und hellem, zum Innenhof geöffneten, Patientenbereich. Ein Trennen der Wartebereiche nach Status des Patienten baut Ängste ab und fördert das Gefühl von kurzen Wartezeiten.

Eingesetztes Material: Naturkork

Foto: Andrin Winteler

Kategorie Publikums-Voting | 3. Auszeichnung: Parkhaus Aldi Süd von Koschany + Zimmer Architekten KZA

Das Parkhaus mit ca. 1.000 Stellplätzen auf vier Ebenen wurde zeitgleich mit den ihm direkt gegenüberstehenden sechsgeschossigen Bürogebäuden errichtet. Auf ca. 7.000 qm wurden bisher auf dem Areal verteilte Parkplätze für Mitarbeiter und Besucher konzentriert. Ursprünglich war das dreieckige Grundstück eine Wiese, eingefasst von zum Teil größeren Bäumen. Beides ging durch die Bebauung verloren bzw. ist in Teilen nicht mehr zu sehen. Während die Wiese auf dem extensiv begrünten Dach des Parkhauses neu angelegt wurde und für die Mitarbeiter von den oberen Geschossen aus zu sehen ist, sollte die Fassade den Blick auf die Bäume auf abstrakte Art „ersetzen“: Aufgelöst in unzählige runde Löcher unterschiedlichsten Durchmessers wurde das Motiv eines Blickes in einen Wald aus der ca. 140 m langen Metallfassade herausgestanzt. Entstanden ist ein perspektivisch faszinierendes Bild, das sich je nach Standort verändert. Unregelmäßig gepflanzte Bäume vor der Fassade verstärken die räumliche Wirkung.

Eingesetztes Material: Aluminium Lochblechfassade eloxiert Sandalor Farbe

Foto: Aldi Süd

Anerkennung Kategorie Studie & Vision: Tunnelflieger von Hochschule Mainz – University of Applied Sciences

Die räumliche Atmosphäre eines Verbindungsganges der Universitätsmedizin Mainz soll durch gezielte gestalterische Maßnahmen verbessert werden. Unterstützend zum räumlichen Konzept begeistert eine hierfür entwickelte, beruhigende Inszenierung die kleinen Patienten und lenkt sie, während des Transports durch den Tunnel, spielerisch ab. Ein virtueller Papierflieger begleitet die Kinder auf ihrer Reise zum OP und zieht seine Bahnen durch die „Wolkendecke“. Die Lichtprojektion eines Fliegers begleitet die Patienten und Angehörigen durch den Gang und weist ihnen den Weg. Die Flugbahn wird auf einer Decke aus dreidimensional verformten Wolkenmodulen sichtbar. Die Intensität der Inszenierung nimmt dabei im Laufe der Fahrt schrittweise ab und gibt so dem Patienten die Möglichkeit sich fallen zu lassen. Tunnelflieger wurde im Master Kommunikation im Raum, der Hochschule Mainz, im WS15/16 in Kooperation mit der Universitätsmedizin Mainz und dem Initiator Sterntaler e.V. (www.hs-mainz.de) entwickelt.

Eingesetztes Material: 1mm pulverbeschichtetes Aluminiumblech

Foto: Martina Pipprich

Anerkennung Kategorie Studie & Vision: Pneumatic Forming of Hardened Concrete von TU Wien/Öhlinger + Partner Ges.m.b.H.

Die Schalung für Kuppelbauten aus Beton ist normalerweise aufwändig und teuer. Eine mögliche kostengünstige und ressourcenschonende Alternative bietet die an der TU Wien von Dr. Benjamin Kromoser und Prof. Johann Kollegger vom Institut für Tragkonstruktionen entwickelte Baumethode namens „Pneumatic Forming of Hardened Concrete (PFHC)“. Dabei wird lediglich mit Hilfe eines Luftkissens und Spannkabeln eine ebene, vollkommen ausgehärtete Betonplatte zu einer zweifach gekrümmten Betonschale verformt. Man spart dabei die Schalung und das normalerweise erforderliche Lehrgerüst ein. Im Auftrag der ÖBB-Infrastruktur AG wird nun in Kärnten an der Neubaustrecke der Koralmbahn auf dem Abschnitt Aich-Mittlern mit dem neuen Bauverfahren ein Testbauwerk, eine großzügig ausgeschnittene Betonschale errichtet. Das Bauwerk wird ab Sommer 2017 als Veranstaltungsüberdachung genutzt.

Eingesetztes Material: Beton

Foto: Benjamin Kromoser

Anerkennung Kategorie Studie & Vision: Space Fabric-Pavillon: Textile Lauchtbauhülle von Frankfurter Forschungsinstitut FFIN, Frankfurter University of Applied Sciences

Der modulare Leichtbaupavillon zeigt neue innovative Möglichkeiten des textilen Bauens unter Verwendung eines Verbundwerkstoffes aus Textilien und Schäumen. Im Fokus des studentischen Design-and-Build-Projektes standen dabei vorkonfektionierte, dreidimensionale Abstandstextilien, deren Deckschichten über integrierte sogenannte Polfäden auf Distanz gehalten werden. Durch das Ausschäumen definierter Bereiche des dreidimensionalen Textils entsteht ein druck- wie zugstabiler Gradientenwerkstoff. Der daraus gefertigte Pavillon mit seinem Durchmesser von 5 m und einer Höhe von 3 m bietet Platz für ca. 20 Personen. Aus einzelnen, pyramidenförmigen Textilmodulen, die die Materialstärke des Textils in Verbindung mit einer Faltstruktur und teilgeschäumten Verbindungsbereichen zwischen den Modulen zum Aufbau einer kuppelförmigen Struktur nutzen, entsteht ein Raum der zum Verweilen einlädt: weich, luftig und lichtdurchlässig.

Studierende: L.Aust, J.Beuscher, S.Biehl, M.Cicala, I.Cursio, J.Dittmann, K.Gregurevic, M. Haas, E.Krücke, N.Lüer, N.Micheev, I.Micorek, M. Simlesa, C. Sotgia, M. Vogel, A. Zgodzinski

Eingesetztes Material: Abstandsgewirke

Foto: Christoph Lison & Tobias Etzer

 

Gesponsort wurde der materialPREIS 2017 von BASWA acoustic AG, Cembrit GmbH, Konrad Hornschuch AG, Object Carpet GmbH sowie UPM Biocomposites.

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