Nendo auf seinem neuen Entwurf "H-Horse" für Kartell. Foto: Kartell
Nendo auf seinem neuen Entwurf "H-Horse" für Kartell. Foto: Kartell

Milan[oh!]

Unter dem Motto „Come to the 55.th year of wow in design“ luden die Mailänder in diesem Jahr zur internationalen Möbelmesse Salone del Mobile 2016. Dass dieser Einladung zahlreiche Designbegeisterte gefolgt sind, beweisen die Rekordbesucherzahlen. Mit 372.151 Besuchern übertraf das große Möbelevent das bereits sehr gute Ergebnis aus dem Jahr 2014, als zuletzt die Eurocucina und der Salone del Bagno parallel stattfanden. Besonders bemerkenswerte Produktentwürfe und auffällige Standgestaltungen enthüllen wir hier – in unserem ersten Teil des Rückblicks auf das Mailänder Design-Spektakel. In der aktuellen Ausgabe InteriorFashion 03/16 tauchen wir tiefer in die Materie des Salone del Mobile ein und nehmen im Besonderen die Materialitäten, Farben und Formen der aktuellen Entwürfe unter die Lupe.

www.salonemilano.it

 

Kreative Köpfe

Jahr für Jahr erschafft Kartell mit einer Auswahl der weltweit erfolgreichsten Designer immer wieder neue Produktideen und Kollektionen. Wie das Unternehmen die eigene DNA in die Produktlinien bringt und dabei doch jedes einzelne Stück den Charakter und die Kreativität des jeweiligen Designers wiederspiegelt, veranschaulichte der diesjährige Kartell-Messestand. Mit den „Talking Minds“ widmete Kartell jedem einzelnen der aktuell elf Designer einen eignen Raum, in dem die Designer selbst als „Sprecher“ über Lautsprecher ihre neuen Entwürfe erklären. Außerdem präsentierte Kartell zum ersten Mal die neue Produktlinie Kartell Kids. Basierend auf dem ersten Kartell-Entwurf überhaupt, dem Kinderstuhl „4999“ von Marco Zanuso und Richard Sapper aus dem Jahr 1964, lanciert das Unternehmen 50 Jahre später die erste Kollektion die Kindermöbel mit Spielobjekten vereint. So auch das neue Schaukelpferd „H-Horse“ von Nendo (Titelbild), das in seiner spielerisch reduzierten Form und dem typisch transparenten Methacrylat Nutzgegenstand und Spielzeug zugleich ist. Fotos: Kartell, www.kartell.de

Fantastisch surreal

Im vergangenen Jahr gründete der Visionär Livio Ballabio die neue Marke „JCP“ um dem Wunsch nach einer neuen Experimentierfreudigkeit nachzugehen. Zur künstlerischen Leitung des Projekts holte er sich die beiden kreativen Köpfe Katia Managhini und Tanos Zakopoulos vom „Art and Design Studio CTRLZAK“ an Bord. So entstanden bis dato zehn Objekte – teilweise in Zusammenarbeit mit weiteren Designern – die während der Milan Design Week in der Ausstellung „Ten Secret Treasures“  zu sehen waren und den Geist von JCP in besonderem Maße ausdrücken. Ein herausragendes Beispiel für JCP's innovative Sicht auf Produkte bitete der Sessel „Oglof“. Foto: JCP, www.jcp.design

Dschungelfeeling

Auf dem Dedon-Messestand vereinten sich in diesem Jahr die wilde Lebenskraft eines Dschungels und der Traum eines modernen Bungalows im Dedon Jungalow. Deutlich zu spüren war bei einem Besuch die Leidenschaft, Dynamik und Freude, die den Dedon-Lifestyle ausmachen. Entworfen wurde der Jungalow in Zusammenarbeit mit dem international anerkannten Designer Werner Aisslinger. Er bestand aus mehreren runden, pavillonähnlichen Räumen. Der Messestand ist nicht nur Dedonss erste Zusammenarbeit mit Aisslinger, sondern auch mit dem bekannten Art Director Mirko Borsche, der das diesjährige Key Visual entworfen hat – eine Blättercollage, die mehrere Wände des Standes bedeckt und die Besucher mit einer frischen, modernen Interpretation ursprünglicher Natur empfängt. Inspiriert von der Lebendigkeit des Dschungels und dem Traum eines Hauses, von dem aus man ihn erforschen kann, glich der Dedon-Stand in diesem Jahr einer grünen Oase und bot damit das optimale Umfeld für die Neuheiten des Unternehmens. Foto: Dedon, www.dedon.de

Kreuz und quer

Massive Eleganz und minimale Essenz – dafür steht der Beistelltisch „1025“ von James van Vossel für Thonet. Drei Holzbeine beschreiben in gleichmäßigen Abständen von 120 Grad einen imaginären Kreis auf dem Boden. Auf der Oberseite der Tischplatte erscheinen sie als perfekt aneinandergereihte, plan abschließende Ovale. Der unterschiedliche Verlauf der Maserung der drei Tischbeine, welche sich nach oben und unten hin verjüngen, erzeugt einen zusätzlichen grafischen Effekt in Verhältnis zur Tischplatte. „Ziel war es, ein Aha-Erlebnis zu erzeugen. Die spielerische Konstruktion macht neugierig und verleiht dem Modell eine skulpturale Anmutung – ein Ausstellungsstück im eigenen Wohnraum“, so Designer James Vossel. Foto: Thonet, www.thonet.de

Brasilianische Inspirationen

Pedro Franco, der im Jahr 2011 den „Esqueleto Armchair“ (Foto) auf dem Salone Satellite vorstellte, zeichnete in diesem Jahr für die Gestaltung des „A Lot of Brazil“-Standes verantwortlich. Auf diesem wurden sowohl seine neuen Entwürfe, Kollektionserweiterungen wie auch die Linie „Estrela“ der brasilianischen Brüder Fernando und Humberto Campana inszeniert. Im Fokus der Präsentation stand jedoch die „Jacaré Collection“ von Pedro Franco, die Nachhaltigkeit mit hochwertigem Design und einem besonders leichten Aufbau im Baukastensystem verbindet. Aus dem portugiesischen übersetzt, bedeutet „Jacaré“ Alligator und verweist damit auf die besondere Formensprache der Möbel: Auf der einen Seite gleichförmig und eben, offenbaren sie auf der anderen eine unterschiedlich hohe, unregelmäßige Schicht – genau wie die Haut eines Reptils. Fotos: A Lot of Brazil, www.alotofbrazil.com

Französische Lebensart

Und wieder einmal ist es Roche Bobois gelungen, die typische französische Lebensweise in die Welt zu tragen. Dieses Mal mit dem Fernsehspot „Der Swimming Pool“, der jung, innovativ und voller Lebenslust daher kommt. In dessen Hauptrolle: das Modell „Mah Jong“, das 1971 von Hans Hopfer entworfen worden war und hat sich seither zum Kultmodell des französischen Unternehmens entwickelt hat. Foto: Roche Bobois, www.roche-bobois.com

Schnittstelle zwischen Design und Produktion

Die Besonderheit der französischen Designmanufaktur Petite Friture ist die Entdeckung junger Designtalente und die enge Zusammenarbeit mit  Gestaltern und Produzenten über den gesamten Entstehungsprozess. Denn Petite Friture versteht sich als Kreativschmiede, als eine Art Editeur und Förderer junger Absolventen und Designer. Neben der Talentsuche geht es Amélie du Passage, Kreativdirektorin und Gründerin von Petite Friture, um die Kollaboration mit lokalen Herstellern bzw. spezialisierten Betrieben aus ganz Europa, wie beispielsweise Glasbläsern aus Tschechien oder Keramikmanufakturen aus Portugal. Herausragende Entwürfe aus den aktuellen Neuheiten stammen von Elise Fouin und Arthur Leitner. Elise Fouins Wandleuchtenserie „Grillo“ greift als bewusstes Gestaltungsmittel die Glühbirne auf und inszeniert sie mit einem minimalistisch gestalteten, perforierten Schirm aus Stahl in Kombination mit farbigen, textilen Leuchtenkabeln. Arthur Leitner hat sich bei seinen „Basil“ Beistelltischen vom Material Kork inspirieren lassen. Die drei geometrischen Körper Kugel, Pyramide und Trapez, die sowohl die Festigkeit, als auch die Leichtigkeit des Werkstoffs deutlich machen harmonieren mit einer einfachen Gestell-Konstruktion aus Stahl. Foto: Petite Friture, www.petitefriture.com

Den Durchblick bewahren

Wenn die Kreativität eines Designers auf die technischen Möglichkeiten eines italienischen Unternehmens trifft, entstehen meistens außergewöhnliche Produkte. So auch bei der Zusammenarbeit von Kensaku Oshira und Kristalia, die in diesem Jahr den neuen Tisch „Hole“ vorstellten. In einem umfangreichen Prozess aus zahlreichen Spritzguss- und Biegevorgängen wird das besondere Untergestell des Tisches aus Metallblech hergestellt. Damit ist die Konstruktion sehr stabil und wirkt durch das ovale Loch mit den weich modellierten Linien dennoch leicht und filigran. Mit zwei Tischplatten aus Laminat oder massivem Holz und verschiedenen Ausführungen des Untergestells entstehen zahlreiche Kombinationsmöglichkeiten. Foto: Paolo Contatti / Contratticompany, www.kristalia.it

Filigrane Schwere

40 Jahre Designgeschichte feierte das italienische Unternehmen Magis mit einem Messestand, der einer musealen Ausstellung glich: Ein großer,  weißer Treppenaufgang inszenierte sowohl die Klassiker vergangener Kollektion, als auch die neuen Entwürfe, die in der ersten Reihe im Rampenlicht standen. Darunter die neue Kollektion „Brut“ von Konstantin Grcic, die das schwere und robuste Material Gusseisen aufgreift. Grcic ließ sich dabei von dem speziellen Fertigungsprozess von Gusseisen inspirieren – einer der ältesten Methoden um eisenhaltige Materialien zu verarbeiten. Der raue Charakter des Werkstoffs und die Anwendung im Bereich Gartenmöbel führten Konstantin Grcic zu dem Entwurf vielfältiger Tische und passender Sitzbänke. Besonders in Kombination mit Glas und Holz wirken die schweren Eisenteile edel und filigran. Foto: Magis, magisdesign.com 

Ein rundes Gesamtkonzept

Ein Allroundprojekt, das bis zur Verpackung durchdacht und designt ist, hat Nendp für den italienischen Hersteller MDF Italia geschaffen. „Sag“ ist als Hocker und Beistelltisch einsetzbar und wirkt mit seiner schwungvollen Standfläche wie ein in der Luft schwebendes Textil. Der Polyurethan-Rahmen wird in einem besonderen Formverfahren hergestellt, sodass „Sag“ höchst stoß- und kratzfest sowie alterungsbeständig ist. In der Komplettversion aus Polyurethan, die es in den Farben Weiß und Schlamm gibt, ist „Sag“ ebenfalls für den Outdoor-Einsatz geeignet. In einer zweiten Variante wirkt der Hocker mit der Sitzfläche aus Bambusfurnier auf Sperrholz besonders wohnlich. Foto: MDF Italia, www.mdfitalia.it 

Spieglein, Spieglein an der Wand...

Der Edra-Stand glich in diesem Jahr einen Meer aus Lichtern, die sich in den Spiegeln an den Standwänden vervielfachten. So wurde der Besuch zu einem echten Erlebnis und ließ tief in die Edra-Welt eintauchen. Foto: Raidel, www.edra.com

Einfach magisch

Das mehrfarbig schillernde Glas lässt die Tische, Couchtische und Konsolen von Patricia Urquiola für Glas Italia fast magisch erscheinen. Dabei ändert sich die Färbung je nach dem Einstrahlwinkel des Lichts und des Beobachtungspunktes. Foto: Glas Italia, www.glasitalia.com

Zwischen Kunst und Funktion

Emmemobili macht nicht einfach nur Möbel, sondern starke, unabhängige Elemente die keinem Trend folgend. Bei seinen Entwürfen identifiziert das Unternehmen zuerst die Funktion und definiert anschließend die Form neu. So auch beim Eckschrank „Coin“, der eine Doppelfunktion hat: Er schafft Stauraum und füllt gleichzeitig einen Platz, der sonst nutzlos wäre. „Coin“ ist eine Zusammenstellung von schrägen Containern – hängend oder stehend – und steht zwischen Kunst und funktionellem Möbel. Verschiedene Holzoberflächen und Lackfarben machen „Coin“ zu einem innovativen und persönlichen Ausdruck von Funktion und Experiment. Foto: Emmemobili, www.emmemobili.it

Von kristalliner Eleganz

An die Eleganz vergangener Dekaden erinnert der Beistelltisch „Pli“ von ClassiCon. Dabei ist er doch gleichzeitig ein zeitgemäßer Entwurf des 21. Jahrhunderts. Verantwortlich dafür zeichnet die französische Designerin Victoria Wilmotte, die mit „Pli“ ein Objekt ungewöhnlich kristalliner Eleganz und verblüffender Geometrie für den Wohnraum geschaffen hat. Die Knicke und Faltungen lassen den Edelstahlfuß fast wie einen überdimensional geschliffenen Edelstein erscheinen. Seine vier verschiedenen Farbversionen erhält der Beistelltisch aus einer unterschiedlich langen Oberflächenbehandlung, die den Edelstahl Grün, Blau, Bronzebraun oder Schwarz schimmern lässt. Die glänzende oder satinierte Glasplatte ist von unten lackiert und jeweils farblich abgestimmt. Foto: ClassiCon, www.classicon.com

Psychedelisch

Anlässlich der Feierlichkeiten zum 50. Geburtstag von Gufram, legte das italienische Unternehmen pünktlich zum Salone del Mobile die limitierte Edition eines Bestsellers auf. Denn gemeinsam mit Paul Smith lassen die Italiener in einer Auflage von 169 Stück den „Cactus“ wieder aufleben. Paul Smith, der für seinen gewagten und starken Einsatz von Fabrne bekannt ist, bringt dern Entwurf von Drocco und Mello aus dem Jahr 1972 in die Gegenwart. Den Einfluss der 1970er Jahre und die hippie-esken und halluzinogenen Schwingungen dieser Zeit aüßern dsich in den kräftigen Farben: ein „Psychedelic Cactus“ eben. Foto: Gufram, www.gufram.it

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