Die Megatrend-Map des Zukunftsinstituts. Abbildung: Zukunftsinstitut
Die Megatrend-Map des Zukunftsinstituts. Abbildung: Zukunftsinstitut

Megatrends: Lawinen in Zeitlupe

Wie wird sich unser Leben in den nächsten Jahrzehnten entwickeln? Welche gesellschaftlichen Entwicklungen nehmen Einfluss? Und wie werden wir leben, wohnen und arbeiten? Manchmal wäre eine Kristallkugel hilfreich. Einige Antworten geben Megatrends. Manchen mögen sie zu abstrakt oder auch futuristisch erscheinen, aber es ist wie so oft: Beschäftigt man sich näher mit einem Thema, sind durchaus auch Rückschlüsse möglich und können eine gute Hilfestellung zum Beispiel bei der Ausrichtung des Unternehmens- bzw. Produktangebotes sein. InteriorFashion hat sich ausführlich mit der Thematik befasst. Grundlage dabei war die Megatrend-Map-Systematik des Zukunftsinstituts. Christiane Varga, zuständig für Redaktion und Auftragsstudien am Zukunftsinstitut in Wien und unter anderem Co-Autorin der Studie „Zukunft des Wohnens“ stand zudem als Interviewpartnerin zu Verfügung.

IF: Frau Varga, der Begriff Megatrend ist viel strapaziert. Dabei fällt auf, dass er nicht immer im richtigen Zusammenhang verwendet wird. Bitte bringen Sie doch einmal Licht ins Dunkel.
Christiane Varga: Megatrends lassen sich durch vier zentrale Kriterien charakterisieren. Sie haben eine Halbwertzeit von 35 bis 50 Jahren. Wir nennen sie auch „Lawine in Zeitlupe“, um einfach deutlich zu machen, dass sie große Umwälzungen zur Folge haben, aber diese im Alltag gar nicht so richtig wahrgenommen werden. Sie passieren oft unauffällig. Außerdem wirken sie in allen Lebensbereichen. Jeder einzelne Megatrend hat eine Relevanz für das Individuum, aber genauso für Unternehmen, Politik, Wirtschaft und Kultur – einfach für alle Bereiche. Und sie wirken weltweit – hier allerdings in unterschiedlichen Ausformungen und zeitlich unterschiedlich. So kommt es, dass zum Beispiel das Rollenbild von Mann und Frau in einigen Gesellschaften weiter entwickelt ist als in anderen. Oder nehmen Sie den Megatrend Silver Society. Japan ist die älteste Gesellschaft der Welt, gefolgt von Deutschland. Dagegen gibt es Länder und Regionen, in denen die Bevölkerung ziemlich jung ist. Und zu guter Letzt sind Mega-trends mehrschichtig und mehrdimensional. Sie wirken nicht linear nebeneinander, sondern sind miteinander verflochten.
Das sind auch die Unterschiede zu den Trends im Allgemeinen. Damit sind meist Produkt- oder Modetrends gemeint. Wenn ein Trend als solcher wahrgenommen wird und sichtbar ist, dann ist es meist schon gar kein Trend mehr, weil er einen gewissen Tipping Point überschritten hat. Das Spannende ist aber, dass der Nährboden für einen Trend ein oder mehrere Megatrends sind.

IF: Schauen wir uns doch einmal den Megatrend New Work genauer an. Was sagt dieser aus und welche Auswirkungen hat dieser auf die Arbeit an sich sowie die Arbeitsumgebung?
Varga: Der Wechsel von der Industrie- zur Wissensgesellschaft hat zur Folge, dass sich die Arbeit komplett verändert hat. Der größte Treiber ist hier die Digitalisierung bzw. die Konnektivität. Die industrielle Arbeit war immer an einen Ort gekoppelt und die Abläufe waren meist gleich. Heute ist die Arbeit aufgrund der Mobile Devices wie Handy oder Notebook mobiler geworden. Das hat natürlich auch einen großen Einfluss auf die Örtlichkeit. Hier unterscheidet die Soziologie drei Orte: Zuhause, Arbeitsstelle und sog. Third Places wie Parks, Cafés oder Bahnhöfe. Früher waren diese drei Orte total voneinander separiert. In der Zwischenzeit gibt es eine Durchmischung: Man arbeitet auch schon einmal zu Hause oder bucht in der Arbeitsstelle den nächsten Urlaubsflug. Und dass geschäftliche Mails am Flughafen oder im Zug geschrieben werden ist heute auch bereits Normalität. Gleichzeitig hat sich die Art der Arbeit verändert. Das Meiste wird heute mit dem Kopf gemacht, man spricht hier von Kreativ- oder Wissensarbeit. Und hierfür braucht man Orte. Vor noch nicht all zu langer Zeit meinte man, dass es für diese Art von Arbeit ausreicht, wenn ein Laptop und ein Schreibtisch zur Verfügung steht. Nicht bedacht wurde dabei, dass es sich oftmals um Projektarbeit handelt, die in verschiedenen Phasen abläuft. Am Anfang gibt es vielleicht ein Brainstorming und damit einen Platz, an dem man sich austauschen kann. Dann braucht es eine Konzentrationsphase, in der mich die Umgebung so wenig wie möglich ablenkt und man auch unter Umständen offline sein kann. Damit werden aus Räumen Zonen, Grenzen verschwimmen. Genau so, wie man am Abend zu Hause vielleicht noch geschäftliche Mails beantwortet, muss es im Büro auch Orte geben, an die man sich zurückziehen kann.

IF: Der Megatrend hat auf das Einrichten und Wohnen mehr Einfluss, als man beim ersten Lesen meinen möchte.
Varga: Das stimmt. Hier sind verschiedene Aspekte zu berücksichtigen. Zum einen geht es dabei um Materialien und Textilien. Stichwort „Smart Materials“, die sich adaptiv verhalten, das heißt, sich der Umwelt anpassen und wie Pflanzen photosynthetisch Luft filtern. Ich glaube, dass dieser Aspekt zwar interessant ist – vor allem auch unter wissenschaftlichen Aspekten – aber tatsächlich relevant ist der Einsatz von naturbelassenen Materialien, die nicht giftig sind. Das war im Möbelbereich und im Wohnungsbau lange Zeit gar nicht selbstverständlich.
Ein weiterer Aspekt ist das „Smart Home“. Übrigens spielen hier die Megatrends Gesundheit und Konnektivität zusammen. Wohnungen und Häuser werden immer stärker Teil der vernetzten Welt. Aus meiner Sicht bedeutet das nicht immer Entlastung, sondern eine Verkomplizierung unseres Lebens. Ich sehe das so: Vernetzung und Digitalisierung sind noch relativ neu und müssen erst noch zu einer Kulturtechnik heranwachsen. Das ist ähnlich einem kleinen Kind, dem man erklären muss, dass Süßigkeiten zwar lecker sind, aber ein Überkonsum durchaus auch gesundheitsschädlich sein kann.

Im Kern des „smarten Wohnens“, das wir übrigens mit „schlauem Wohnen“ übersetzen, sollte also eine Vernetzung stehen, die dann unterstützt, wenn sie wirklich gebraucht wird, aber nicht alles bestimmt. So sehe ich das übrigens auch für das Möbeldesign im Hinblick auf die Alterung der Menschen. Bisher waren seniorengerechte Möbel relativ unästhetisch und negativ konnotiert. Immer mehr Möbeldesigner nehmen sich aber nun dieser Thematik an und entwerfen Möbel, die seniorengerecht sind, aber nicht so aussehen.
Für wirklich zukunftsträchtig halte ich also Dinge, ob möbel- oder technologiebezogen, die unauffällig sind, sich schön in den Alltag eingliedern, aber dann doch mit einem kleinen Kniff unterstützend wirken und den Alltag ein bisschen einfacher machen.

IF: Ein Megatrend, der ebenfalls schon heute deutlich zu spüren ist, ist die Urbanisierung. Immer mehr Menschen zieht es in die Städte, der Wohnraum wird knapp. Wie entwickeln sich die Städte und damit auch die Wohnungen?
Varga: Das Städtebild wird sich komplett verändern. Die Großstadt besteht ja schon heute nicht mehr nur aus grauem Beton und vielen Autos. Es gibt tatsächlich viel mehr Grünflächen. Das urbane Leben wird mit viel Grün und Erholungsflächen gleich gesetzt. Es steht auch die Quartierbildung versus dem einzelnen Großstadtmenschen. Es wird immer mehr Gemeinschaften geben, in denen mehrere Generationen oder sehr unterschiedliche Menschen in einem Areal oder Gebäude zusammenwohnen und sich Gemeinschaftsflächen teilen. Das hat im Gegensatz zu früheren Hippie-Kommunen pragmatische Gründe: es kostet weniger und man kann sich mehr Fläche leisten. Hinzu kommt, dass die Familienverhältnisse heute viel differenzierter sind als früher. Und all diese sehr unterschiedliche Lebensstile und -formen führen zu Wahlgemeinschaften, die sich vor allem im urbanen Raum finden. Das heißt auch, dass sich die Wohnungen verändern werden. Räume werden flexibler, es gibt mehr Zonen. In einer neu ge-bauten Wohnung werden nur noch die nötigsten Dinge wie Küche und Bad festgelegt, alle anderen Räume sollen so offen wie möglich nutzbar sein. Und damit wird auch der Anspruch an die Möblierung ein anderer.
Dies wird durch den Megatrend Individualisierung und Mobilität zusätzlich unterstützt. So geht es bei der Mobilität nicht nur um den Umzug an geografisch weit entfernte Orte, sondern auch innerhalb der Wohnung oder des Hauses. Die Möbel müssen sich den jeweiligen Bedürfnissen anpassen  und dahingehend auch mobiler und flexibler sein.

IF: Mit dem Megatrend Individualität geben Sie das Stichwort. Der Mensch hat in allen Bereichen des Lebens eine unglaubliche Auswahl, auch bei der Einrichtung.
Varga: Ja und das ist eigentlich auch ein Vorteil, wenn man sich Farbe, Material und Funktion seines Möbelstücks aussuchen kann. Das bedeutet aber auch, dass man in der Regel viel Zeit und auch Geld braucht. Je individueller, desto teurer. Es überfordert zudem aber oftmals auch. Menschen sehnen sich nach Hilfen im Auswahldschungel. Aus diesem Grund nehmen auch die Angebote zu, die etwas kuratieren, die praktisch eine Vorauswahl treffen. Ich glaube, dass sich bei den Innenarchitekten und Raumgestaltern zukünftig viele Zwischenformen entwickeln werden. Ich könnte mir zum Beispiel vorstellen, dass man einen Menschen einen ganzen Tag begleitet und seinen Stil und seine Lebensgewohnheiten analysiert und dann eine Vorauswahl trifft.
Beim Thema Individualisierung spielt aber auch noch ein anderer Aspekt eine Rolle: das Storytelling – gerade im Hinblick auf die Produktion. Alles, was nicht anonym, also nicht aus einer Massenfertigung stammt, liegt im Trend. Die Individualisierung ergibt sich oft in Form von Storytelling.

IF: Frau Varga, vielen Dank für das aufschlussreiche Gespräch.


Der gesamte Artikel zu den Megatrends ist in InteriorFashion 2|2016 erschienen.

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