Foto: Peter Maly

Lang lebe das Design

Das Einrichtungsjahr 2016 hat begonnen. Mit den Weltleitmessen Heimtextil, Domotex und imm cologne sind die jeweiligen Branchen in die neue Saison gestartet. Messen leben zu einem großen Teil von den Neuheiten, die die Aussteller präsentieren. Der Innovationsdruck ist hoch. Neue Farben, Formen und technische Innovationen prägen das Bild. Dabei schwebt immer eine Frage im Raum: Was gibt es Neues? Journalisten sind auf der Jagd nach Trends – Jahr für Jahr. Es gibt aber auch eine Gegenbewegung, die gerade auf der internationalen Einrichtungsmesse imm cologne zu beobachten ist. An vielen Ecken der Kölner Messehallen – vor allem im Designsegment „Pure“ sieht man Re-Editionen alter Möbelklassiker oder Modelle, die sich an den alten Formen orientieren. Peter Maly, einer der bedeutendsten deutschen Designer unserer Zeit, reklamiert schon seit jeher die kurzen Entwicklungszyklen und die Kurzlebigkeit des Designs. Er möchte über den Tag hinaus denken und Produkte schaffen, die ein Leben lang halten.

IF: Sie bemängeln seit vielen Jahren die Kurzlebigkeit des Designs. Die Industrie steht aber unter einem hohen Innovationsdruck. Auf Messen wird fast ausschließlich nach den Neuheiten gefragt.
Peter Maly: Das ist die Erwartungshaltung der Einkäufer. Man muss das aber von der Haltung des Endkunden unterscheiden. Das Kriterium für ihn ist, dass er ein Möbelstück haben möchte, das zu ihm passt, das er mag und lange um sich haben kann. Er will doch nicht, dass das Möbelstück, das er vor einem Jahr erstanden hat, schon wieder out ist. Der Einkäufer hingegen soll beeindruckt und animiert werden, ein ganz neues Produkt zu kaufen. Es gibt aber weitere Aspekte, die viel wichtiger sind als die absolute Novität. Die absolute Novität heißt ja immer, dass etwas besonders, spektakulär oder aufregend ist. Da schaut keiner so genau danach, ob es funktional ist oder ob man darauf gut sitzen kann. Diese Diskussion ist aber nicht neu. Wir Designer haben schon immer gesagt, dass der Entwicklungs-Rhythmus viel zu schnell ist. Die Produkte haben zu wenig Zeit, sich zu entwickeln. Was ist ein Jahr? Im Januar wird ein neues Produkt gezeigt. In den Handel kommt es, wenn man Glück hat, im Herbst. Ein paar Monate später ist wieder Messe und da fallen Produkte hinten runter und werden durch neue ersetzt. Dabei ist gar nicht sicher, ob diese besser sind. Ich persönlich möchte aber so nicht arbeiten. Ich möchte über den Tag hinaus denken. Gute Produkte sind dazu geeignet, ein Leben lang zu halten, wenn sie vom Handel und auch von den Herstellern entsprechend gepflegt werden. Da hapert es natürlich.

IF: Sie meinen also, die Produktpflege wird vernachlässigt?
Maly: Wenn eine Neuvorstellung nicht so richtig läuft, verschwindet sie oft vom Markt, ohne dass nach dem Warum gefragt wurde. Produktpflege heißt für mich, dass man nachfragt, was noch verbessert werden kann, und das Produkt dann überarbeitet. Das interessiert aber die wenigsten. Ein positives Beispiel ist Vitra. Die pflegen ihre Klassiker. Schauen Sie sich zum Beispiel den Lounge Chair, den Klassiker schlechthin, an. Der Entwurf ist aus den 1950er-Jahren und weil immer etwas daran getan wurde, sieht er heute immer noch neu aus. Es gab ein neues Farbkonzept, es wurden andere Hölzer für die Schalen verwendet, neue Bezugsstoffe gewählt und er wurde ein bisschen größer gemacht, denn seit den 1950er-Jahren sind die Menschen im Durchschnitt ein bisschen größer geworden. Das nennt man gute Designpflege. Auf diese Weise kann so ein Produkt, das jetzt schon über 60 Jahre alt ist, immer noch weiter jung, ansehnlich und aktuell bleiben.

IF: Seit einigen Jahren ist eine Gegenbewegung zu erkennen. Entweder orientiert man sich an alten Formbildern oder es werden echte Re-Editionen aufgelegt. Heißt das, dass der Wunsch nach diesen „alten“ Formen wieder da ist?
Maly: Das ist richtig. Ein Beispiel sind dänische Möbel aus den 1960- und 1970er-Jahren. Die werden oftmals wieder aufgelegt. Ich weiß auch zum Beispiel von Conde House, einem japanischen Unternehmen, für das ich gearbeitet habe, dass sie mit Naoto Fukasawa einen Stuhl gemacht haben, der könnte direkt von Wegner sein. Fukasawa ist ein japanischer Designer, der für seine minimalistischen Arbeiten bekannt ist. Der Stuhl ist geschliffen, geschmirgelt und gerundet, wie das beste dänische Design der damaligen Zeit. Wie ich finde, ist es nicht verwerflich, dass ein Hersteller wie Conde House, der ein hohes Maß an handwerklicher Fertigkeit besitzt und eine hohe Qualität zu leisten vermag, dies auch nutzt. Warum soll man einen eckigen Stuhl machen, wenn man ganz andere schönere und ausgefallenere Sachen zu Stande bringt? Retro als solches lehne ich aber ab. Nur weil ein Möbelstück alt ist, ist es nicht gleich toll. Auf der anderen Seite ist es interessant, dass sich die Menschen nicht konform einrichten wollen, dass sie ihre Individualität dadurch zeigen, dass sie unterschiedliche Dinge miteinander kombinieren, die so im Katalog nicht zu finden sind. Die Entwicklung hin zu mehr Individualität im Wohnen finde ich gut.

IF: Auf Ihr Konto gehen ja auch so einige Designklassiker …
Maly: Das beste Beispiel ist das Maly-Bett. Das habe ich 1968 entworfen und es wurde von Ligne Roset produziert. 2012 wurde es aus der Kollektion genommen, weil es nicht mehr lief. Michel Roset, der die Produktentwicklung bei Ligne Roset leitet und ein echter Designfachmann ist, meinte damals, dass er es wieder aufnehmen würde, wenn wir es aktualisieren, nicht so groß wie einen Flugzeugträger machen und dabei den Preis halten können. Ein halbes Jahr habe ich entwickelt und es dort, wo es nötig war, vereinfacht. Zum Beispiel war das Untergestell zu kompliziert konstruiert und aus Holzwerkstoffen gefertigt. Nun ist es einfacher und aus Metall. Aber das Image und die Optik sind so geblieben. Auf den ersten Blick sehen Sie kaum, dass es ein neues Produkt ist. Das ist Designpflege. Wir haben es 2014 auf der imm cologne präsentiert. Die Shop-Betreiber waren alle begeistert und glücklich, dass es das Bett wieder gibt, denn es haben immer wieder Kunden danach gefragt.

IF: Wurde am Sessel „Zyklus“, den Sie 1984 für Cor entworfen haben, auch Produktpflege betrieben?
Maly: Bei „Zyklus“ wurde formal nichts verändert. Hier wurden lediglich Farb- und Materialanpassungen vorgenommen. Das haben wir auch gesteuert. Der Sessel wurde damals für ein junges Publikum eingeführt. Es gab farbige Lacke für das Gestell und sehr kontrastreiche Kombinationen mit Stoff und Leder. Wir haben allerdings gemerkt, dass der Preis für junge Leute nicht ganz so erschwinglich ist. So wurde entschieden, das Produkt zu pflegen, indem wir es etwas seriöser machen. Heute sieht man „Zyklus“ fast nur noch in Chrom und in schwarzem Leder.

IF: Vor jeder imm cologne wird nach den Trends gefragt. Ändern sich die Trends für das Möbeldesign eigentlich jährlich?
Maly: In der Mode gibt es eine Saison und die wird von der nächsten gleich wieder eingeholt. Das ist ganz schrecklich. So darf das bei uns gar nicht sein. Im Möbelbereich stellen wir langlebige Wirtschaftsgüter her. Natürlich gibt es immer wieder sich verändernde Trends. Ich bin aber nicht der Mensch, der gleich auf jeden neuen Trend aufspringt. Diese Trends sind meistens sehr kurzlebig. Ich sehe auch einen Unterschied zwischen einem Trend und einer Tendenz. Eine Tendenz ist langlebiger, man spürt, dass sich etwas verändert. Das kommt oft aus veränderten Ansprüchen an die Produkte oder gesellschaftspolitischen Aspekten. Diese Tendenzen muss man dann wirklich beachten, denn wenn man das nicht tut, ist man nicht aktuell. Aber jedem Trend hinterherzulaufen, halte ich für eine ganz gefährliche Sache, denn wenn das Produkt fertig hat, kann der Trend schon wieder gar nicht mehr so trendy sein. Oftmals werden Trends auch nur von Journalisten gemacht, weil sie irgendetwas schreiben wollen. Das muss ich ehrlich einmal sagen.

IF: Das deutsche Design hinkt in der Außendarstellung immer ein bisschen hinter anderen Ländern her. Meinen Sie, der deutschen Möbelindustrie täte es gut, wenn mehr Profi-Designer zum Einsatz kämen?
Maly: Ich teile Ihre Auffassung nicht. In den letzten Jahrzehnten hat sich doch herausgestellt, dass das deutsche Design durchaus international anerkannt ist. Es gibt eine – wenn auch nur kleine – Reihe von designorientierten Unternehmen in Deutschland. Es ist richtig, es könnten mehr sein, aber es werden auch immer mehr. Manche Unternehmen, die man mit ganz ordentlichen Produkten wahrgenommen hat, haben zwei Messen später phantastische Produkte. Es ist ganz interessant und schön zu sehen, wie viele Firmen diesen Sprung zum guten Design wagen und er ihnen auch gelingt. In Deutschland neigen wir natürlich immer dazu, uns selbst sehr bescheiden im Hintergrund zu halten. Im Ausland werden wir deutschen Designer aber doch wahrgenommen. Es muss aber auch nicht jeder Design machen. Es muss auch Firmen geben, die Massenprodukte für kleines Geld anbieten. Die werden schließlich auch gebraucht.

IF: An welchen Projekten arbeiten Sie aktuell?
Maly: Es gibt mehrere Produkte, die auf der imm cologne vorgestellt werden. Über die kann man natürlich noch nicht so viel sagen. Ich habe für Ligne Roset zwei neue Entwürfe gemacht. Zum einen einen formal sehr ausdrucksvollen Massivholz-Tisch mit sehr schönen Details. Und zum anderen einen sehr großen Sessel, in dem fast zwei Leute sitzen können. Dieser ist in Nussbaum gearbeitet und teilweise mit Gurten beflochten. Für Conmoto habe ich einen Massivholz-Tisch aus Eichenholz gemacht. Dabei habe ich das Holz nach außen hin sehr ausgedünnt, wodurch er eine besondere filigrane Optik bekommt. Ich bin gespannt, was die Leute dazu sagen.

IF: Herr Maly, herzlichen Dank für das interessante Gespräch!

Das Interview ist in der InteriorFashion-Ausgabe 6|2015 erschienen.

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