Großes Gespür für leise Töne

Innenarchitektin und Produktdesignerin Gabriela Raible.
Innenarchitektin und Produktdesignerin Gabriela Raible.

Großes Gespür für leise Töne

Die Innenarchitektin und Produktdesignerin Gabriela Raible, 1962 in Hamburg geboren, lebt und arbeitet in München. In einem sehr offenen Gespräch mit InteriorFashion gab die Designerin Einblicke in ihre Arbeit.

IF: Frau Raible, eine persönliche Frage vorneweg: Was zieht eine Hamburgerin nach München?

Gabriela Raible: Hier muss ich Sie fast ein wenig enttäuschen, denn es war quasi eine Zwangsumsiedelung (lacht). Ich wurde nicht gefragt, ich war fünf Monate alt. Es war die Lebensentscheidung meiner Eltern. Ich habe eine Berliner Mutter und einen bayrischen Vater, die sich in Hamburg getroffen haben. So gesehen habe ich auch gar keine Hamburger Wurzeln. Da, wo man aufwächst, ist man schon eher daheim. Aber typisch bayrisch bin ich auch nicht. Um es kurz zu machen, was zieht mich nach München? Das Leben.

IF: Sie sind sowohl Innenarchitektin als auch Produktdesignerin. Auch Ihr Büro, das sie seit 2001 in München führen, ist seit 2011 formal in die Bereiche Innenarchitektur und Produktdesign aufgeteilt. Für welchen Bereich schlägt Ihr Herz tatsächlich mehr?

Raible: Man kann schon fast sagen, dass es auch hier ist wie im wahren Leben: Da, wo man nicht ist, danach sehnt man sich am meisten. Ich liebe beides. Da schlagen wirklich zwei Herzen in meiner Brust. Vielleicht auch, weil es so unterschiedliche Tätigkeitsbereiche sind. Die Innenarchitektur ist ein sehr komplexer Prozess, der auch eine große Teamleistung innerhalb des Büros erfordert. Dabei sind wir von der kreativen Konzeption bis hin zur Umsetzung als ganzes Team gefordert. Beim Produktdesign ist das Team, nämlich der Hersteller, ausgelagert. Insgesamt ist das Produktdesign ein ruhigerer, konzentrierterer Vorgang, hier bin ich mehr bei mir. In der Innenarchitektur bin ich Konzeptgeber, Visionär und Teamleiter, fast Manager, und Qualitätssicherer bis zum Ende, während beim Produktdesign es mehr mein persönlicher, zurückgezogener, kreativer Moment ist. Diesen Augenblick liebe ich. Wenn ich mit dem Aquarellpinsel oder mit Stiften, also völlig old school, entwerfe, entsteht ein intensiver Entwurfsmoment, aus dem am Ende eine formale Vision entsteht. Das fasziniert mich immer wieder. Von daher muss ich sagen, ich liebe beides und ich bin sehr dankbar und genieße es, dass ich auch beides verwirklichen kann.

IF: Hatten Sie zuerst Innenarchitektur studiert?

Raible: Ja, ich habe in Rosenheim Innenarchitektur studiert und habe dann nach vielen Praktika und meiner Arbeit als Innenarchitektin in diversen Büros gedacht: Da muss noch was oben drauf. Ich war damals wahnsinnig begeistert von der ganzen Memphis-Bewegung. Das war der Aufbruch des Produktdesigns, jenseits der Bauhaushistorie, nach deren Vorbild damals an den deutschen Hochschulen alle erzogen wurden. Dieser Aufbruch des Produktdesigns war spannend, das war der Punkt, da wollte ich hin. Deshalb habe ich den Master of Design an der Domus Academy in Mailand absolviert. Und habe dann ziemlich gleich nach meiner Selbstständigkeit, damals noch mit Bernhard Leniger zusammen, angefangen, für WK zu entwerfen. Da habe ich gemerkt, das macht Spaß, das ist einfach toll und eine großartige Ergänzung.

IF: Ihr Debüt als Designerin machten Sie Mitte der 1990er Jahre mit einem ersten Stuhl für Plank und dem erfolgreichen Kastenmöbelprogramm „Keiko“ für Designo. Bekannte Stuhlfamilien, wie die „Lord Gerrit“ und „Episodes“-Modelle für die italienische Firma Tonon Italia folgten. Mittlerweile gehören Sie zu den etabliertesten und erfahrensten Produktdesignern der Branche. Hat sich der Anspruch an das Design im Laufe der Zeit geändert?

Raible: Das ehrt mich, dass Sie sagen, ich sei etabliert (lacht). Das ist ein Kompliment. Denn ich selbst nehme mich gar nicht so wahr, lustig. Als Produktdesigner steht man immer am Anfang von etwas, man ist nie angekommen, und ich denke, in dieser Hinsicht geht es meinen Kollegen ähnlich. Das liegt vor allem daran, dass sich die Welt um uns herum immer weiterbewegt. Es gibt neue, formale Trends, andere funktionale Bedürfnisse an Möbel, an Innenarchitektur oder an Architektur. Wir sind Teil einer permanenten Veränderung und stehen bei jedem neuen Design am Anfang.

Ob sich der Anspruch an das Design im Laufe der Zeit geändert hat? Ja und nein. Es gibt natürlich ganz archaische Bedürfnisse von Menschen, die sich nie verändern. Zum Beispiel das Bedürfnis nach Ruhe, nach Rückzug, nach einem inneren Frieden. Oder ganz pragmatische Bedürfnisse wie gut sitzen, wenn man essen möchte, usw. Dennoch verändert sich unsere Welt aufgrund der Digitalisierung, Globalisierung etc. enorm, und man ist ständig in Bewegung. Somit ändern sich natürlich auch die Anforderungen an die Nutzung, sowohl von Produkten als auch von Räumen. Junge Menschen haben beispielsweise ganz andere Bedürfnisse und Vorstellungen, wie sie wohnen, arbeiten und leben wollen. Denken Sie nur an den Trend des Teilens oder Leihens, des Re-Use – all diese großen soziologischen Trends betreffen uns als Designer natürlich auch.

IF: Worauf legen Sie Wert bei Ihren Produktdesigns?

Raible: Mir ist wichtig, dass das Design in allen Bereichen leise ist. Es soll eine moderne, zeitgenössische Eleganz haben, die auf eine zurückgenommene, dezente Art über das Detail besticht und gleichzeitig zeitlos ist. Ich mache keine Gags, sondern lege Wert auf formale Nachhaltigkeit, so dass man das Produkt lange sehen kann. Meine Produkte sollen eine leise, aber sehr starke Identität haben.

IF: Die edlen Details sind bezeichnend für Sie. Dafür hat Ihr neuester Entwurf, das Sofaprogramm „Zelos“ für Artanova jetzt aktuell auch den German Design Award 2015 „Special Mention“ bekommen.

Raible: Ja, das stimmt. Das freut mich natürlich sehr. Jeder Designpreis einer hoch kompetenten Jury, die sich das in Ruhe anschaut, das Gesehen-Werden nicht nur von Konsumenten, sondern auch von Kollegen und Fachleuten, in der Fachwelt nicht nur wahrgenommen, sondern auch ausgezeichnet zu werden, ist für jeden „professioniste“, wie die Italiener sagen, natürlich das Größte, das man erreichen kann.

IF: Sie sagten einmal, die besten Ideen würden Ihnen in der Natur kommen – sie ermögliche den Blick auf das Wesentliche. Können Sie das näher beschreiben?

Raible: Weil man in der Natur bei sich selbst ankommt, Ruhe findet, der Ablenkung entflieht. Wenn ich diesen Moment suche, zieht es mich oft in die Berge, wir hatten lange eine Wohnung dort, oder miete mich auf einer Almhütte ein. Weil man dort im Nichts, in dieser totalen Ruhe, wo man komplett auf sich zurückgeworfen ist, im Kontemplativen, wie auch im spielerischen, nicht determinierten oder vorsätzlichen Moment oft auf die besten Gedanken kommt. Beim simplen Gehen durch die Natur, wenn ich z.B. mit dem Hund den Berg hoch laufe, dann wird mein Denkhirn, mein Organisationshirn, mein Managementhirn leer. Dann kann das andere, das kreative Hirn nur schauen und horchen, was kommt. Dann läuft es, denn dann wird es spielerisch.

IF: Als Innenarchitektin sind Sie Spezialistin für maßgefertigte Interieur-Lösungen. Viele anspruchsvolle private Bauherren sowie namhafte Firmenkunden wie Allianz, BMW, Feinkost Käfer u.v.m. vertrauen auf Ihre Handschrift. Wie gehen Sie an ein neues Interieur-Projekt heran? Was ist Ihnen wichtig?

Raible: Es gibt zwei Funktionen, die eine gute Lösung erfüllen muss. Zum einen eine funktionale, rationale. Also funktioniert der Raum hinterher als Arbeitsraum, als Schlafzimmer, als Wohnraum etc. Zum anderen gibt es aber auch immer eine sehr starke emotionale Funktion im Hintergrund. Und um diese erfüllen zu können, muss man sehr gut hinhören und sich sehr gut rein- spüren in die Menschen. Das heißt, das Wesentliche ist im Grunde das echte Verstehen. Worum geht es eigentlich? Das ist mir das Wichtigste. Eine Lösung halte ich dann für gut, wenn es mir am Schluss gelingt, dass die Benutzer dieser neuen Räume, die Bewohner oder die Menschen, die dort arbeiten, z. B. wie bei Feinkost Käfer, die Menschen, die dort einkaufen, sagen: Das macht Spaß. Ich gehe dort gerne hin, hier fühle ich mich wohl und das ist typisch Käfer. Letzteres ist natürlich auch ein ganz wichtiger Aspekt, wenn man im Bereich Corporate arbeitet, zu verstehen, wo möchte derjenige hin, was ist die Firmenphilosophie. Das ist eine ganz sensible Form der Dienstleitung, wenn man so will.

IF: Gibt es ein Projekt, das Ihnen besonders viel Spaß gemacht hat, ein Lieblingsprojekt?

Raible: Das gibt es immer mal wieder. Aber von den letzten Dingen, die wir veröffentlicht haben, gibt es ein Privathaus, das, wie ich sagen würde, ein „Once in a Lifetime“-Projekt war. Bis dato jedenfalls. Das Haus liegt hier an einem bayrischen See, wurde auch in der Zeitschrift Architektur & Wohnen vorgestellt und war mein erstes Privathaus in dieser stark individualisierten Form. Das Besondere war die unglaublich tolle Zusammenarbeit mit dem Bauherrn. Wir haben für jeden Raum eine individuelle Lösung gestaltet, mit jedem Kind das eigene Zimmer entwickelt. Sogar für die Gästeappartements haben wir uns zwei unterschiedliche Gäste vorgestellt und für diese entsprechend die Räume gestaltet. Jeder Raum des Hauses hatte ein eigenes Thema. Davon träumt man vielleicht im Studium und sagt sich, ach, das würde ich gern mal machen. Und dann macht man das wirklich, das war schon Wahnsinn. Wir waren vor diesem Projekt gar nicht so sehr im Privatkundenbereich tätig, vielmehr im Bürobereich und im Ladenbau. Diese maßgeschneiderte Lösung miteinander zu entwickeln und am Schluss auch wirklich glückliche Bauherren zu sehen, die dort leben, in einem wunderschönen Haus, das dann noch in der Fachwelt anerkannt wurde, das macht schon große Freude. Aber letztendlich macht jeder Auftrag auf seine eigene, ganz individuelle Weise Freude. Momentan gestalten wir die Vorstandsetagen des Allianz-Konzerns in Paris und Mailand. Das sind auch unverwechselbare Themen, weil man dort zum einen international einen global brand verankern muss und diesen zum anderen mit den lokalen Eigenheiten, mit den sog. „local specifications“, wie wir das nennen, verbinden muss.

IF: Haben Sie Materialien oder Farben, mit denen Sie besonders gerne arbeiten?

Raible: Natürlich ist das immer projektabhängig, aber ich arbeite sehr gerne mit allen natürlichen Materialien. Holz, Stein, Stoffe, Leder, alles was echt ist, mag ich wahnsinnig gern. Und ich mag eine leise Tonigkeit als Basis für alle Farben. Ich liebe es, in einer naturtonigen Welt eine Basis für Akzentfarben zu schaffen. Die dann entweder durch Styling kommen oder durch Kunst oder die Menschen selbst.

IF: Haben Sie noch einen großen Traum, den Sie verwirklichen möchten?

Raible: Oh, viele! (lacht) Ich weiß nicht, ob diese so groß sind, aber ich habe nie ausgeträumt. Ich glaube nicht an den einen großen Traum. Aber es gibt zahlreiche tägliche, kleine Träume, die ich habe, und die natürlich auch viel leichter zu erreichen sind. Das, was wir für dieses Privathaus gemacht haben, von dem ich vorhin erzählt habe, würde ich unheimlich gern einmal für ein Boutiquehotel umsetzen. Das wäre ein Traum. Zusammen mit einem engagierten, bewussten Hotelier. Ein kleines Boutiquehotel, höchst individualisiert, mit maximalen menschlichen Akzenten, das die Grundbedürfnisse der Menschen trifft. Etwas, das in die Tiefe geht. Das würde ich wahnsinnig gerne mal machen.

Und natürlich Möbel, Möbel, Möbel.

IF: Frau Raible, ganz herzlichen Dank für das tolle Gespräch!

 

www.gabriela-raible.de

Das Interview ist in der InteriorFashion-Ausgabe 3|2015 erschienen.

Zurück