Foto: Olaf Becker

Ein Fixstern im Eventkalender

In unserer aktuellen Ausgabe von InteriorFashion haben wir schon über die MCBW berichtet. Unsere Mitarbeiterin Kelly Kelch hat zudem mit Nina Shell, Head of Public Affairs der Munich Creative Business Week, über Geschichte und Perspektiven der gesprochen.

Kelly Kelch (r.) im Gespräch mit Nina Shell.

IF: Welche Position haben Sie innerhalb der MCBW inne?
Nina Shell: Auf meiner Visitenkarte steht „Head of Public Affairs“ – darunter sind die unterschiedlichsten Aufgabenbereiche gebündelt. Ich bin seit der Geburtsstunde der MCBW Anfang 2011 dabei und war somit konzeptionell und inhaltlich immer beteiligt. Durch mein als Journalistin im Design- und Architekturbereich bereits sehr gut ausgebautes Netzwerk in die relevante Szene, konnte ich von Anfang an viele der heutigen MCBW-Partner motivieren und überzeugen, ihren Beitrag in Form von Veranstaltungen aller Art zur MCBW zu leisten. Hier berate ich in puncto inhaltlicher Ausrichtung, vernetze mit Locationpartnern, empfehle ggf. Referenten etc. Außerdem bin ich eng in die Öffentlichkeitsarbeit der MCBW eingebunden, betreue Medienpartner und kommuniziere Inhalte nach außen. Redaktionelle Tätigkeiten von Programm über Flyer, Newsletter runden meinen Aufgabenbereich ab. Auf gut Bayerisch verstehe ich mich hier ein bisschen als „eierlegende Wollmilchsau“ …

IF: Nun ist die 6. Ausgabe dieses Veranstaltungsformats vor wenigen Wochen zu Ende gegangen. Wie hat denn alles angefangen?
Shell: Die Idee, ein sog. Leuchtturmprojekt für die florierende bayerische Designlandschaft ins Leben zu rufen, war schon sehr lange im Gespräch – im Wirtschaftsministerium ebenso wie in der relevanten Szene. Am Rande war ich durch meine journalistische Tätigkeit sicherlich schon seit etwa 2004, 2005 in diese Überlegungen involviert. Eine Art „kleine MCBW“, damals unter dem Titel „Munich Design Dialogue“ habe ich 2007 in Kooperation mit der AMD inhaltlich und konzeptionell realisiert. Ziel all dieser Aktivitäten war und ist immer das gleiche: Zum einen zu zeigen, welch hohes wirtschaftliches Potenzial die Designlandschaft, bezogen auf Kreative und Unternehmen, in Bayern bietet (die Metropolregion München steht europaweit auf Platz 4) – und dieses national und international in den Fokus zu rücken und aufzuzeigen. 2011 hat Bayern Design dann im Auftrag des Bayerischen Wirtschaftsministeriums das Konzept für die MCBW erarbeitet und erstmals umgesetzt.

IF: Warum gerade München?
Shell: Ganz einfach, weil München gerade in puncto wirtschaftlichem Erfolg für designorientierte Unternehmen und Agenturen deutschlandweit die Nummer Eins ist. Kreativität ist etwas, das ja gemeinhin gern in Berlin angesiedelt gesehen wird, de facto ist die Kreativwirtschaft mit Betonung auf Letzteres in München aber extrem erfolgreich.

IF: Wie sind Sie zu dieser Veranstaltung gekommen?
Shell: Kurz gesagt, war das einfach perfektes Timing. Ich hatte zuvor schon eine berufliche Verbindung mit Bayern Design in Nürnberg. Als das Go für die Förderung aus dem Ministerium kam, eine Designwoche ins Leben zu rufen, fragte mich Dr. Silke Claus, die Geschäftsführerin von Bayern Design, ob ich die Aufgabe, mein Münchner Netzwerk dafür zu aktivieren, übernehmen wolle. Klar wollte ich! Wie oben erwähnt, war ich über andere Kanäle schon immer sehr nahe an der Realisierung einer solchen Veranstaltung.

IF: Was waren die anfänglichen Herausforderungen, welche sind es heute?
Shell: Nun, ein erstes Mal ist immer eine Herausforderung – wir hatten ja noch nichts vorzuweisen, außer der Idee, München, Deutschland und der Welt zu zeigen, was sich in Sachen Design in München und Bayern alles tut. Die Tatsache, dass etliche unserer Erstjahrespartner mich schon viele Jahre gut kannten, gepaart mit deren entsprechendem Vertrauensvorschuss, haben dann dazu geführt, dass die erste MCBW, damals noch auf sechs Tage ausgelegt, mit rund 100 Veranstaltungen einen sehr erfolgreichen Start hingelegt hat. So erfolgreich, dass wir bereits im zweiten Jahr auf neun Tage verlängert haben. Seitdem wächst und gedeiht der Event, ist in den internationalen Kalendern ein Fixpunkt, und hat mittlerweile weit über 200 Veranstaltungen für über 60.000 Besucher zu bieten. Eine Herausforderung bleibt die MCBW dennoch immer. Wir wollen die Mischung aus Veranstaltungen für ein Fachpublikum zukunftsorientiert schärfen. Den allgemein am Thema Design interessierten Besuchern aber ebenso inhaltlich spannende und inspirierende Momente bieten – so dass die MCBW zu einem Event heranwächst, dass man sich nicht mehr entgehen lassen will.

Foto: Olaf Becker

IF: In diesem Jahr gibt es zum zweiten Mal ein eigenes Magazin für die MCBW. Sie sind Chefredakteurin, was war Ihre Intention nach damals vier Jahren, eine Printausgabe zu initiieren?
Shell: Das Magazin zur MCBW ist mir – zumal als Journalistin – eine persönliche Herzensangelegenheit. Es liegt in einer Auflage von 40.000 Exemplaren bereits ab Ende Januar in ganz München aus – und hat zum Ziel, die komplexen Themen, die dann während der MCBW in Form von Events angeboten werden, für das allgemeine Publikum redaktionell aufbereitet vorzustellen. Um dazu insbesondere auch zu zeigen, dass das Thema Design beileibe nicht bei den klassischen Bereichen „Mode, Möbel, Autos“ aufhört, sondern dahinter erst so richtig zum Tragen kommt. Aber auch, um zu zeigen, dass hinter dem nach wie vor für das Publikum jenseits der Fachwelt noch etwas kryptischen Namen Munich Creative Business Week ein Event für alle steht, die mit Designthemen, Designern und Machern schwellenfrei in Kontakt treten möchten.

IF: Darin erwähnen Sie, dass Digitalisierung für Sie unter anderem mit Abtauchen in virtuelle Welten zu tun hat. Was genau meinen Sie damit?
Shell: Letztlich meine ich damit, dass man – wie mit allem, was die Welt zu bieten hat – ein gesundes Maß halten sollte. Mein eigener Sohn hatte in seinen Teenagerjahren eine Phase, in der Computerspiele sein Leben und Denken bestimmt haben. Auch wenn hier eine virtuelle Kommunikation mit Mitspielern im Netz stattfindet, hatte ich doch Sorge, dass reale Freundschaften und die Teilnahme an der „normalen, realen“ Welt deutlich leiden. Aus der Phase ist er längst draußen – das Suchtpotenzial, sich aber über die heutigen Möglichkeiten, auch via VR-Brillen etc. immer mehr aus der Realität zu verabschieden, sehe ich aber schon als Gefahr.

IF: In diesem Jahr ist das Motto „Design connects – The Smart Revolution“. Wie stehen Sie persönlich zur Technik?
Shell: Hmmm, ganz ehrlich, ich bin persönlich zufrieden, wenn mein Rechner tut, was er soll und mein Smartphone nie verloren geht. Je technischer die Dinge werden, desto mehr Zeit braucht es (zumindest für mich aus einer Generation, die fern der sog. Digital Natives ist), sich mit allen möglichen Funktionen vertraut zu machen. Zeit, die ich persönlich lieber mit analogen Dingen wie mit meinem Hund verbringe. Mir wäre es tatsächlich fremd, meinen Kühlschrank zum Einkaufen zu schicken oder mit meinem Toaster zu sprechen. Ich muss auch nicht das Licht per App anschalten, bevor ich zuhause bin – solange das via Lichtschalter genauso gut funktioniert. Das heißt aber ganz und gar nicht, dass ich nicht technikaffin wäre. Ich finde es großartig, welche Möglichkeiten zum Beispiel im Bereich der Medizintechnik den Menschen zugute kommen können. Auch die Möglichkeiten, die das Internet bietet, beispielsweise Bildung und Know-how bis in die entlegensten Winkel der Welt zu transportieren, finde ich sehr begrüßenswert.

Partnerland der MCBW war 2017 Korea. Foto: Bayern Design

IF: Korea war das diesjährige Partnerland. Warum gerade dieses Land?
Shell: Die Republik Korea war schon mehrfach mit Veranstaltungen während der letztjährigen MCBWs vertreten. 2016 extrem erfolgreich mit der großen Ausstellung „Korea Now“ im Bayerischen Nationalmuseum. Der „Aufstieg“ zum offiziellen Partnerland für 2017 lag entsprechend nahe. Generell bewerben sich die Länder wegen einer Partnerschaft bei uns, wir haben bereits mehrere Anfragen für die nächsten Jahre. Korea passte sehr gut zu unserem diesjährigen Themenschwerpunkt, schließlich ist zum einen die traditionsreiche Herangehensweise mit dem Mix aus Handwerk und Design in sich schon smart, zum anderen ist koreanisches Design international gefragt, das Land gehört darüber hinaus zu den weltweit führenden im IT-Bereich.

IF: Was bringt die MCBW in wirtschaftlicher Hinsicht? Gibt es nachweislich eine messbare Größe an der man erkennen kann, dass der wirtschaftlich ökonomische Aspekt zunimmt?
Shell: Das ist natürlich per se nicht in absoluten Zahlen messbar, die Rückmeldungen aus allen Bereichen sind aber in erster Linie positiv, die Vernetzung, gemäß dem Motto „Design Connects“ funktioniert wunderbar.

IF: Wie ist die Wahrnehmung in der weltweiten Design-Szene hinsichtlich der MCBW?
Shell: Die Wahrnehmung ist hoch, im Vergleich zu anderen Design Weeks zeichnet sich die MCBW durch das Setzen jährlicher Schwerpunktthemen und auch über die gezielte Fokussierung auf die Wirtschaftsebene in der Kreativ-Szene aus. Das Angebot an Inhalten, also viel „Tell“, nicht nur „Show“ trägt Früchte. So auch das Feedback vieler internationaler Designwochenorganisatoren von Helsinki bis Tokio, die sich jährlich während der MCBW mit uns an einen Design Roundtable setzen, um Erfahrungen auszutauschen.

IF: Resümierend betrachtet, was war in diesem Jahr anders, gegenüber den fünf vorangegangenen MCBWs?
Shell: Neben der Tatsache, dass wir natürlich noch ein Stück weiter gewachsen sind und wieder extrem viele spannende und abwechslungsreiche Events im Programm hatten, sind wir sehr glücklich darüber, dass die MCBW immer stärker vor der Presse Beachtung findet und auch darüber, dass wir, nach 2012, zum ersten Mal mit einer von uns kuratierten Ausstellung mit Rahmenprogramm zum Themenschwerpunkt „The Smart Revolution“ mitten in der Stadt, im ehemaligen Forum der Technik am Deutschen Museum, angekommen sind. Das war insofern großartig, als die Mischung unserer Exponate sehr gut ankam, zum anderen, dass wir damit auch einen beachtlichen Besucherkreis auf uns aufmerksam machen konnten, dem die MCBW bislang noch kein Begriff war. Wir freuen uns alle, dass wir diesen Standort – solange das Forum als Interimseventlocation fungiert – für die nächsten Jahre der MCBW sicher haben. Und zu guter Letzt tut es immer sehr gut, während der MCBW, quasi der Erntezeit all dessen, was man über das Jahr gesät und gepflegt hat, in vielen begeisterten Rückmeldungen von Partnern und Besuchern bestätigt zu sehen.

IF: Welche Themen sehen Sie als nächstes auf Ihrer MCBW-Agenda?
Shell: Eine Schärfung und klarere Kommunikation der Marke MCBW stehen auf unserer Agenda – das heißt, eine fachliche Ausrichtung auf zukunftsrelevante Themen, wird es weiter geben. Im Fußball heißt es immer so schön, nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Gleiches gilt für eine MCBW: Wir sind intern gerade dabei, das Schwerpunktthema für die MCBW 2018 zu erarbeiten. Sicher ist: Die Thematik der Digitalisierung, der Transformationsleistung, die das Design für alle Lebensbereiche bietet, wird weiter im Fokus stehen. Das genaue Wording dazu wird Anfang Juni kommuniziert werden.
Darüber hinaus wollen wir mit Hochdruck daran arbeiten, der Allgemeinheit nahezubringen, dass das Thema Design sich nicht nur in einer selektiven Fachwelt abspielt, sondern jeden Einzelnen von uns angeht und betrifft.

IF: Gibt es eine Vision, die Sie mit der MCBW verfolgen? Wo sehen Sie die MCBW in 10 bis 20 Jahren?
Shell: Ganz klar, ich wünsche mir, sicherlich genau wie alle Kollegen, Förderer, Kooperationspartner und Sponsoren, dass sich die MCBW in nicht allzu weiter Ferne als Fixstern im lokalen, nationalen und internationalen Eventkalender etabliert – und ein Besuch für Fachpublikum und Öffentlichkeit ein Must wird, das man nicht verpassen will! Ich denke, wir sind auf einem guten Weg, diese Vision zu realisieren.

IF: Frau Shell, vielen Dank für das Gespräch!

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