Foto: Kalle Veesaar

Drei Ansätze – (k)ein Nenner

Baltisches Design – gibt es das überhaupt? Eine übergreifende Bestandsaufnahme zum Thema Design in allen drei baltischen Staaten zu liefern, ist schwer. Denn alle Länder haben einen ganz eigenen kulturellen Hintergrund, eigene Sprachen und somit auch sehr verschiedene Ansätze und Entwicklungen in puncto Design. Mit Unterstützung von Brigitta Ziegler, Gründerin und Inhaberin des Baltic Design Shop, haben wir Einblicke in die Designszene des Baltikums erhalten. Audrone Drungilaite, Geschäftsführerin des Lithuanian Design Forum, Dzintra Purvina, Referentin in der Abteilung für Kreativwirtschaft im lettischen Ministerium für Kultur, Ilona Gurjanova, Präsidentin der Estonian Association of Designers, und Maris Takk vom Estonian Design Centre haben uns, stellvertretend für ihre Länder, Rede und Antwort gestanden.

Die Entwicklungen in Estland begleiten Maris Takk und Ilona Gurjanova in ihren Positionen tagtäglich und beobachten eine Designsprache, die durch die Nähe zu Skandinavien eine nordisch schlichte Anmutung hat. Tradition und Moderne verschmelzen durch den neu interpretierten Einsatz von regionalen, natürlichen Materialien. Funktionalität, Ästhetik und Humor bilden eine Einheit – Nachhaltigkeit steht bei den Entwürfen zusätzlich im Vordergrund. Diese Entwicklung der jungen, modernen Designszene hat ihren Ursprung in den frühen 1990er-Jahren, als sich das Land von der Sowjetunion loslöste und der freien Marktwirtschaft ausgesetzt war. Davor galt „Design“ als westlich und war ein verbotenes Wort, was mit dem Ausdruck „industrial art“ ersetzt werden musste. Heute ist das Berufsbild des Designers beliebt – auf 800 Einwohner kommt ein Designer, was mit Sicherheit auch an der guten Ausbildung in diesem Bereich liegt. Dabei entwickeln aber ca. 60% der Designer selbstständig und unter eigenen Namen und Marken ihre Kreationen – nur 40% bieten ihre Kreativität als Dienstleister an. Aber auch Unternehmen bemerken verstärkt den positiven Einfluss von Design – nicht zuletzt durch die zahlreichen Programme, die das „Estonian Design Centre“ vorangetrieben hat. Dazu zählt beispielsweise das Förderprogramm „Design Bulldozer“, bei dem zehn Unternehmen mit zehn einheimischen Top-Designern zusammengeführt werden. Über 20 Monate haben die Firmen vom kreativen Einfluss der „Design-Manager“ profitieren können und so die Vorteile bezüglich Produktentwicklung und Benutzerfreundlichkeit schätzen gelernt. Um das Bewusstsein weiterhin zu generieren und zu stärken, startete erst in diesem Herbst erneut ein Workshop. Auch die „Estonian Association of Designers“ treibt die Aufmerksamkeit für Design im Land weiter voran. Die Organisation von gemeinsamen Auftritten estnischer Designer im Ausland, Ausstellungen wie „Estonian Design in Focus“ oder das Tallinn Design Festival sind nur einige der Aktivitäten. Somit sehen die Esten ihre Designszene auf dem Vormarsch, besonders auch auf dem internationalen Markt. Einerseits durch die wachsende Anzahl an selbstständigen Designern, andererseits durch den strategischen Einsatz von Design in ansässigen, produzierenden Betrieben und im öffentlichen Bereich.

Auch in Litauen hat sich das Verständnis von Design mit der Trennung von der ehemaligen Sowjetunion entwickelt, wie Audrone Drungilate berichtet. Eine neue Sichtweise auf Funktionalität und Ästhetik war geboren und die Aufhebung der Grenzen führte zu einer verstärkten Reisefreudigkeit, Auslandsaufenthalten aus beruflichen Gründen oder einem Studium in den „westlichen“ Ländern. Innerhalb Litauens entstanden parallel die ersten Design-Studiengänge, -Studios und -Organisationen. Vorreiter bei der Unterstützung der Design-Entwicklung ist das „Lithuanian Design Forum“, das sowohl für das jährliche Event „Design Week Lithuania“ als auch für die Verleihung des Litauer „Good Design Award“ verantwortlich zeichnet. In Zusammenarbeit mit dem „Lithuanian Council for Culture“ macht die Organisation das einheimische Design in Form von Ausstellungen auch bis weit über die Grenzen Litauens populär. Besonderer Beliebtheit erfreut sich Interior Design – als Studiengang aber ebenso im privaten und öffentlichen Bereich. Speziell die professionelle Gestaltung von Restaurants und Cafés sei in Litauen aktuell sehr angesagt. Ganz nach dem Motto: je kreativer und ausgefallener, desto besser und damit aufmerksamkeitsstärker. Und das kommt auch in der Wirtschaft an. Unternehmen engagieren zunehmend „Design Manager“, die zwischen dem eigenen Unternehmen und beauftragten Designern vermitteln. Daneben ist auch die traditionelle, Holz verarbeitende Industrie im Aufschwung. Durch ihre technischen Fähigkeiten konkurriert die litauische Möbel- und Holzindustrie bereits mit den asiatischen Herstellern – Litauen ist zum beliebten Produktionsstandort, besonders für europäische Möbelhersteller, geworden. Holz ist damit auch das bevorzugte Material für Industrie-, Möbel- und Interior Design. Trotz der Entfernung zu den nordischen Staaten beeinflusst die skandinavische Gestaltung auch das Litauer Design. Eine reduzierte Formensprache, Nachhaltigkeit und Langlebigkeit der Produkte stehen hier ebenfalls im Fokus. Im Zusammenspiel mit der modernen Interpretation von Ethno-Mustern und warmen Materialien wie Filz, Wolle und Leinen entsteht jedoch eine eigenständige Designsprache.

Lettland bildet in der Reihe der baltischen Staaten eine Ausnahme. Etwa ein Drittel der Einwohner Lettlands sind russischer Herkunft. Dennoch lehnt sich die lettische Designsprache ebenfalls an den Stil der skandinavischen Kultur an. Dzintra Purvina, Referentin in der Abteilung für Kreativwirtschaft im lettischen Ministerium für Kultur, erklärt, dass auch hier gerne Tradition mit neuen Technologien und Innovationen gemixt wird – was besonders in der Mode- und Textilindustrie zum Ausdruck kommt. Neben den renommierten Fashion Weeks in Mailand, Paris oder auch Berlin, entwickelt sich Riga und die zwei Mal im Jahr abgehaltene Riga Fashion Week als Highlight in der Modewelt. Dazu tragen, neben der Unterstützung durch das Ministerium für Kultur, auch Organisationen wie die Latvian Fashion Chamber bei, die gemeinsam mit dem auswärtigen Amt die Mode-Kreationen Lettlands in die Welt tragen. Im Bereich von Produkt- und Möbeldesign fördert die digitale Plattform „Forum of Latvian Design“ die Thematik, mit Ausstellungen wie beispielsweise der „Design Manifestation“. Als wichtigster Designaward gilt der Annual Design Award der „Latvian Designers’ Association“, der in sieben Kategorien besondere Errungenschaften von Industrie- über Fashion- bis hin zum Grafikdesign ehrt.

Mit dem Einblick in die verschiedenen Kulturen der drei baltischen Staaten entstehen jeweils drei eigenständigen Bilder und somit auch Designsprachen. Jedes Land steht für einen eigenen Ansatz, geprägt durch die unterschiedlichen Einflüsse und geformt von den kreativen Charakteren Estlands, Lettlands und Litauens. Und es gibt dennoch eine Gemeinsamkeit: das Gestalten von nachhaltigen und individuellen Produkten, gepaart mit Tradition, Handwerk und Innovation – umgesetzt mit heimischen Materialien wie Holz, Wolle oder Leinen.

Dieser Artikel ist in der InteriorFashion-Ausgabe 5|2015 erschienen.

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