Gründeten 1995 EOOS (v.l.): Martin Bergmann, Harald Gründl und Gernot Bohmann.
Gründeten 1995 EOOS (v.l.): Martin Bergmann, Harald Gründl und Gernot Bohmann.

Die Poesie des Entwickelns

Martin Bergmann, Gernot Bohmann und Harald Gründl haben vor 20 Jahren das Designbüro EOOS gegründet. Seither arbeiten sie mit einem ganz speziellen Werkzeug: der „poetischen Analyse“.

Das Wiener Designbüro EOOS feiert in diesem Jahr sein 20-jähriges Bestehen. Die drei Gründer Martin Bergmann, Gernot Bohmann und Harald Gründl arbeiten nur mit wenigen Unternehmen zusammen. Darunter Walter Knoll, Lamy, Duravit und Herman Miller. Dabei haben sie einen ganz speziellen Entwicklungsprozess entwickelt: die poetische Analyse. Das Interview mit Martin Bergmann gleicht einer Liebeserklärung – an Kunden, seine Kollegen und nicht zuletzt an EOOS.

IF: Herr Bergmann, Sie haben vor 20 Jahren gemeinsam mit Gernot Bohmann und Harald Gründl EOOS gegründet. Wie kam es zu der Namensgebung und was möchten Sie damit ausdrücken?
Martin Bergmann: Wir haben uns gleich nach dem Studium mit Bergmann, Bohmann, Gründl selbständig gemacht. Allerdings waren wir mit dem Namen nicht zufrieden und haben uns daher auf die Suche gemacht. Zufällig sind wir dann auf die Metamorphosen von Ovid und auf diese wunderbare Geschichte vom Sonnen- wagen gestoßen. Dieser war damals das schnellste Gefährt; gebaut von dem Goldschmied Hephaistos. Angezogen wurde es durch vier Pferde, die ungeahnte Kräfte hatten. Und eines dieser Pferde hieß Eoos. Übrigens sind diese Pferde auch auf der Basilika von Venedig zu finden, der Stadt, die uns alle drei unglaublich begeistert. Die Geschichte um diesen Sonnenwagen besagt, dass sich alles zwischen Verbrennen und Verlorengehen abspielt. Wenn man mit dem Sonnenwagen der Erde zu nahe kommt, verbrennt die Erde. Und wenn man zu hoch fliegt, kommt man in den Orbit hinaus und geht verloren. Das war für unsere Arbeit einfach die beste Geschichte und das beste Bild. Wenn man einem zeittypischen Ansatz, also der Gegenwart, zu nahe kommt, verbrennt man als Designer. Wenn man hingegen zu sehr abdriftet, geht man verloren. Und auch bei unseren Kunden, Unternehmen, die gute Produkte produzieren und weltweit vermarkten, spielt sich alles in diesem Spannungsfeld Verbrennen und Verlorengehen ab.

IF: Wie stellt sich die EOOS-typische Denk- und Arbeitsweise im Design- prozess dar?
Bergmann: Wir haben ein Werkzeug entwickelt, das wir „poetische Analyse“ nennen. Diese setzen wir nicht bei jedem, aber bei sehr komplexen Projekten ein. Zum Beispiel gab bei der Entwicklung der Bulthaup- Küche „b2“ eine große und starke, poetische Analyse. Dabei analysieren wir anhand von Bildern Geschichten, tief sitzende Bilder und Mythen zu einem Thema und hängen diese auf. Das sind Tausende von Bilder, die wir uns zurechtlegen und uns damit immer mehr dem Thema nähern. Dabei haben wir auch das Kochbuch des Papstes Bartholomeos Scappi aus dem 15. oder 16. Jahrhundert gefunden. In diesen Stichen haben wir erstmals eine Küche gefunden, die eine Werkstattküche war. Dabei ist uns erst einmal bewusst geworden, was das ist: Einbauküche versus Werkstattküche. Dort herrscht ein ganz anderes Ordnungsprinzip. In der Einbauküche zieht man eine Schublade auf und man sieht ein Universum. In unserer Werkstattküche macht man die Küche auf und man sieht alles. Alles zeitgleich mit aller Quantität und Qualität, die man selbst besitzt. Man sieht praktisch sein eigenes Spiegelbild. Bei einer solchen poetischen Analyse muss man sich allerdings immer wieder Anker setzen. Festlegen, wie weit die Geschichte gehen kann. Das hat wieder etwas mit dem Verlorengehen zu tun. Das ist die typische Denk- und Arbeitsweise von EOOS. Übrigens kann man die poetische Analyse der „b2“-Küche in unserer aktuellen Werksschau im Museum für angewandte Kunst in Wien (MAK) sehen.

IF: Wie unterschiedlich gehen Sie und Ihre Partner dabei vor? Wie ergänzen Sie sich?
Bergmann: Als wir begonnen haben, wurden wir immer gefragt, wer macht was und was machen Sie eigentlich? Unsere Antwort war immer: Wir sind wie eine Rockband, wie ein Orchester, in dem jeder ein Instrument spielt und am Ende steht ein Klang. Und wenn einer nicht spielt, dann fehlt das. Es ist so ausgewogen wie bei den Wiener Philharmonikern. Das war das erste Bild, das uns weiterge- holfen hat. Über die vergangenen 20 Jahre ist uns auch eines klar geworden: Das Tagesresultat, das Wochenresultat, das Jahresresultat und 20 Jahre EOOS, ist die Verblüffung des Resultats und das Wissen, dass es einer alleine nicht geschafft hätte. Es ist einfach das Gemeinsame des Erschaffens, das uns so wahnsinnig fasziniert. Und heute Abend gehen wir wahrscheinlich wieder aus dem Büro und sind einen Millimeter oder ein Hundertstel Millimeter weitergekommen. Oder auch zurückgegangen. Man geht nicht immer nur voran, sondern auch einmal zurück, weil es gar nicht geht. Aber auch dann mit dem Bewusstsein, das hätte ich alleine niemals denken können. Und das ist das Wunderschöne an EOOS. Und noch etwas: Man ist überrascht vom Ergebnis und von der Kraft der Idee. Wenn die Idee wirklich gut ist, hat das eine enorme Power. Und wenn die Idee entwickelt wird, wird sie von jedem einzelnen aufgrund der unterschiedlichen Charaktere auch anders gesehen und bewertet. Und dann ist das Ergebnis einfach verblüffend.

IF: Sie arbeiten mit wenigen Unternehmen zusammen. Dafür aber aus sehr unterschiedlichen Branchen. Nach welchen Kriterien wählen Sie Ihre Auftraggeber aus?
Bergmann: Wir arbeiten mit wenigen Kunden sehr intensiv zusammen. Wenn wir uns entschließen, mit einem neuen Unternehmen zu arbeiten, ist das ein langer Kennenlernprozess. Wir müssen die totale Sicherheit haben, mit dem Management oder mit dem Unternehmer nicht nur für ein Produkt zusammenzuarbeiten, sondern dass wir wirklich kontinuierlich, evolutionsmäßig entwickeln können. Wir sind aufwändig, wir analysieren anders, wir sind langsam, wir brauchen sehr lange, um Schwung zu holen. Wenn wir dann aber Schwung aufgenommen haben, sind wir gemeinsam wahnsinnig stark. Nicht zuletzt auch deshalb, weil wir die DNA eines Unternehmens gut erfühlen können. Mit dem Schwung, der Kontinuität und mit der Evolution der Entwicklungen ergeben sich die Produkte dann auch fast von selbst oder fallen aus der Kommunikation, aus der Freundschaft, aus der harten Arbeit heraus. Wenn ein Kunde allerdings nur ein Produkt möchte, machen wir das nicht. Das können wir auch nicht, weil wir dabei verbrennen würden.

IF: Gibt es auch „Wunschkunden“? 
Bergmann: Ja, die gibt es. Zum Beispiel Herman Miller. Wir haben uns schon als Studenten gewünscht, mit diesem amerikanischen Kulturunternehmen zusammen- zuarbeiten. Wir waren einfach fasziniert von dem Design der 30er- und 40er-Jahre. Und das hat dann auch wirklich geklappt. Harald Gründl sagt immer, wenn man an etwas ganz fest glaubt, dann kommt das auch so. Wir haben das Unternehmen jahrelang besucht und miteinander gesprochen, die ersten Aufträge bekommen, das erste Produkt entwickelt und präsentiert und die nächsten Aufträge bekommen. So können wir Schwung holen, eine Kundenbeziehung aufbauen und 100% EOOS und 100% DNA des Unternehmens sein.

IF: Sie haben über 140 Designpreise gewonnen. Gibt es einen, der Ihnen ganz besonders wichtig ist?
Bergmann: Ja, den gibt es. Der Compasso D’oro. Den haben wir mit Matteo Grassi für das Programm „Kube“ gewonnen. Und darauf sind wir echt stolz, weil das ein unabhängiger Designpreis ist, der unaufgefordert vergeben wird. Ich glaube, wir waren auch die ersten Österreicher, die den Preis gewonnen haben.

IF: Momentan ist im MAK Design Labor in Wien, das ja von Ihnen selbst gestaltet wurde, eine EOOS-Werksschau zu finden. Was erwartet die Besucher dort? 
Bergmann: Wir haben im Zentralraum des MAK Design Labor „EOOS transformiert“ und fünf ausgewählte Produkte – die Bulthaup-Küche, die Duschabtrennung und eine Badewanne von Duravit, ein Sofa von Walter Knoll, einen Officehocker mit Tablet von Keilhauer – mit Robotern versehen. Wir haben quasi ein riesiges Ballett gebaut, so dass man sieht, wie sich die Objekte transformieren, als wenn sie ein Mensch nutzen würde. Zum Beispiel bewegen wir ein Sofa: Man kann in verschiedene Richtungen schauen, man kann zueinander sitzen und sich besprechen. Der Mensch geht quasi durch die Ausstellung und sieht, was er mit den Möbeln machen kann, wie er sein Umfeld und sein Leben mit ihnen transformieren kann und welchen Mehrwert er generieren kann. Außerdem gibt es einen Nebenraum, der „EOOS entwirft“ heißt. Dort zeigen wir in sechs Vitrinen Entwurfsprozesse von unterschiedlichen Produkten von EOOS, um dem Besucher zu veranschaulichen, wie wir arbeiten, wie eine poetische Analyse aussieht. Das ist auch ein faszinierender Raum. In den anderen Räumen des MAK Design Labor haben wir Interventionen gemacht. Zum Beispiel zeigen wir im Bereich Kochen das erste Präsentationsmodell der Bulthaup-Küche „B2“. Oder bei Essen und Trinken zeigen wir das Frühstück-Service und das Weinglas für Alberto Alessi. Ein Beispiel ist auch der Raum Sammeln. Dort steht in riesigen Lettern „EOOS sammelt nicht“, denn das tun wir nicht. Ich glaube, das ist eine sehr interessante Form, wie sich ein Büro wie EOOS präsentieren kann. Wir wollten uns selbst nicht auf die Schulter klopfen. Wir wollten uns vielmehr selbst in die Idee einfügen, die wir vor einem Jahr dort eingebracht haben, und als Beispiel für den Betrachter, der sich mit dem Begriff Design generell auseinandersetzt, dienen.

IF: Worin sehen Sie in der Zukunft die Herausforderungen für das Design und damit für Ihre Arbeit?
Bergmann: Aus unserer Sicht liegt die Zukunft in dem Spannungsfeld Handwerk und Technologie, Archaik und Hightech. Innerhalb dieser Begriffe entwickeln wir uns weiter. Da sehen wir Zukunft, auch für unsere Kunden. Für uns ist außerdem wichtig, dass sich unsere Arbeit und Ideen sowie unsere Stärke mit 100 Prozent des Unternehmens decken. Wenn das gelingt, dann wird daraus ein sehr erfolgreiches Produkt für den Nutzer und dann schafft es wirklich Mehrwert. Ein gutes Produkt und eine gute Idee sind auch lange am Markt. Das erste Sofa, das wir für Walter Knoll entworfen haben – mit diesem Unternehmen arbeiten wir übrigens seit Anfang an zusammen – wird heute besser verkauft denn je. Es ist ein Objekt, das hochwertigst produziert wird, bei dem Manufaktur und Technologie zusammenkommen und wenn einmal der Bezug schlecht ist, kann man es bei Walter Knoll neu beziehen lassen. Es ist ziemlich resistent gegen Mülldeponien. Das ist für uns entscheidend: Wir wollen hochwertige Produkte entwickeln, die nicht nur in einer Generation, sondern auch in zwei oder vielleicht auch in drei Generationen Bestand haben. Das macht uns Freude!

www.eoos.com

Das Interview ist in der InteriorFashion-Ausgabe 1|2015 erschienen.

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